Panamericana Richtung Süden

Die Nacht war sehr kurz. Immerhin hatten wir an diesem Morgen zwei Handtücher im Bad hängen. Leider aber war dafür unser Duschgel und die Haarwäsche weg, die wir am Vortag im Bad stehen gelassen hatten. So wuschen wir uns mit der abgepackten kleinen Seife aus dem Hotel. Die zweite Seife packte ich vorsorglich ein. Somit starteten wir mit unseren Klamotten die wir an hatten: Unterwäsche, 1 paar Socken, T-Shirt, Fleecepullover, Jeans und Regenjacke. Die Reiseapotheke, Waschzeug, allerdings ohne Handtuch, Duschgel und Haarwäsche und unsere Reiseunterlagen plus die Reiseführer. Alles zusammen ging gut in unsere zwei kleinen Rucksäcke. Wir gingen davon aus, dass es irgendwo Einkaufszentren außerhalb der Stadt geben würde, wo wir fehlendes nachkaufen könnten.
Somit verabschiedeten wir uns vom Hotelpersonal und begaben uns in den Berufsverkehr um einmal quer durch Lima zu fahren. Es ging erstaunlicher Weise ziemlich gut und dauerte nicht all zu lange ehe wir die Autobahn, die Panamericana Sur gefunden hatten. Was wir aber überhaupt nicht sahen, waren Supermärkte oder ein Einkaufszentrum. Wir trösteten uns, irgendwo werden wir schon etwas bekommen. Hauptsache wir kommen erst mal aus dieser furchtbaren Großstadt raus.

Der Zustand der Panamericana war recht gut, so dass wir Lima bald hinter uns gelassen hatten. Außerhalb der Stadt fuhren wir an den Slums vorbei. Es gab nichts grünes mehr. Hin und wieder waren ein paar Palmen angepflanzt, die aber keine optimalen Bedingungen zum wachsen hatten. Alles war braun und grau vom Sand und Geröll. Die Häuser waren nicht mit Farbe angestrichen. Lediglich die Reklame-Schilder stachen bunt ins Auge. Um so weiter wir fuhren, desto ärmlicher und karger wurde es. Mein Gemütszustand verschlechterte sich zusehends. Ich fragte mich, auf was wir uns da eingelassen hatten. Die Pazifikküste sah so trostlos aus, dass wir nicht einmal anhielten um Fotos zu machen. Orte, die auf der Karte wie Städte aussahen waren kleine Siedlungen in denen ein paar bruchfällige Häuser, ähnlich wie im Wilden Westen standen. Einen Supermarkt oder ein Shoppingcenter suchten wir vergebens. Die einzigste Einkaufsmöglichkeit stellten unzählige Verkaufsstände direkt an der Straße dar, wo die Lastwagen und alten Autos ihre Abgase hinterließen. Hier gab es Obst und Gemüse sowie Süßigkeiten und Getränke. So fuhren wir Kilometer um Kilometer schnurgerade die Panamericana, die Traumstraße Amerikas, gen Süden. Überholten alte Autos und LKWs. Als der Mautpflichtige Teil der Panamericana zu Ende war, verkleinerte sich die Straße, zu einer normalen Landstraße, dessen Zustand etwas nachließ. Den Dunst von Lima ließen wir hinter uns, der Himmel klärte zusehends auf . Ab und zu kam sogar ein wenig die Sonne raus. An der Gegend jedoch änderte sich nichts. Die Wüste durch die wir fuhren, gehört mit zu den trockensten Gebieten der Erde, somit immerhin ein Highlight. Wir versuchten uns ein wenig aufzuheitern und die Anspannung los zu werden. Die Halbinsel Paracas war unser nächstes Ziel.

Die Nasca-Linien

Unser nächstes Ziel war Nasca und die berühmten Nasca-Linien. Wir fuhren weiter durch Sanddünen nach Süden. Hinter den Sanddünen wurde die Wüste wieder steiniger. Oasen und grüne Flussläufe nahmen zu. Wir fuhren durch alte Baumwollplantagen und Orangenhaine. An der Straße standen überall kleine Verkaufsstände mit Orangen. Die Sonne brannte und wir entschlossen uns, ein paar Orangen zu kaufen. Da unsere Wasserreserve auch zur neige ging, hielten wir an einem netten Verkaufsstand. Eine südamerikanische kleine runde Mama begrüßte uns freundlich und bot uns von ihren Früchten an. Leider konnten wir kein gutes Spanisch und konnten uns nur dürftig mit ihr unterhalten. Sie war sehr interessiert, woher wir kamen und wohin wir wollten. Dann ging sie an einen großen alten Kühlschrank und holte eine große Glaskanne mit frischen Orangensaft heraus. Mir schossen sofort die Hinweise aus den Reiseführern in den Kopf. Nichts essen oder trinken, was von Einheimischen zubereitet wurde. Da wir aber außer unserem Wasser nichts anderes zum trinken hatten, konnten wir nicht wiederstehen. Es schmeckte herrlich erfrischend und unglaublich süß. Wir unterhielten uns noch eine Weile bis wir ausgetrunken hatten.  Gestärkt und um eine nette Bekanntschaft reicher stiegen wir ins Auto und fuhren weiter zu den Nasca-Linien.

Mitten in einer riesigen Ebene sah man von weitem einen Metallturm stehen. Daneben stand ein kleines Schild, welches auf einen Parkplatz verwies. Wir fuhren langsamer und erkannten, dass man von diesem Turm aus, die Nasca-Linien sehen sollte. Matthias stellte das Auto ab und wir liefen zu diesem Turm. Unten standen Einheimische, die Eintritt kassieren wollten und handbemalte Steine und andere Souvenirs verkauften. Der Wind fegte über die Ebene und trug feinen Staub mit sich. Wir kletterten das Gerüst hoch und hielten Ausschau nach den Linien. Wir waren beeindruckt von der unheimlichen Weite dieser Ebene. Kleinere Figuren konnten wir im Sand erkennen. Wir hatten uns immer vorgestellt, dass sich diese Erdlinien an Berghängen befinden, aber da lagen wir falsch. Alle Erdlinien liegen in dieser riesigen Ebene und sind deshalb am besten aus dem Flugzeug zu besichtigen. Über uns kreisten auch einige kleinere Maschinen. Eine der Einheimischen erklärte uns die einzelnen Zeichen, die wir von hier aus sehen konnten. Überwältigend waren für mich auch diese riesigen schnurgeraden Linien, die scheinbar nicht enden wollten. Die Linien sind auf ca. 700 qkm verteilt und stellen einen riesigen Astronomiekalender dar. Die aus Dresden stammende Dr. Maria Reiche leitete jahrelang die Forschungsarbeiten über die Nasca-Linien. Die Einheimischen sind sehr stolz auf Dr. Maria Reiche, da jetzt viele Touristen nach Nasca kommen und somit für einen gewissen Aufschwung in der Umgebung sorgen.
Wir fuhren weiter zu einem nahe gelegenem Berg, auf den wir ebenfalls kletterten um nochmals die Ebene mit den Figuren zu überblicken. Die Flugzeuge am Himmel kreisten ziemlich wackelig über die Ebene. Für mich stand fest, dass ich mich nicht in ein solches Flugzeug setzten möchte. Später auf unserer Reise berichtete uns ein Ortskundiger, dass Europäische Flugschüler hierher kommen, um hier ihre Übungsstunden zu absolvieren. Nebenbei kassieren sie noch eine kleine Provision. Wir fuhren an dem kleinen Flugplatz vorbei, die Maschinen sahen jedoch alle ziemlich gut aus.

Nasca selber war keine große Stadt. Wir hatten ein Touristenzentrum erwartet, stattdessen fuhren wir durch eine wirklich ärmliche Stadt mit 3-4 Hotels und ein paar Restaurants für die Touristen. Sonst glich der Ort allen anderen Orten, die wir bisher gesehen hatten. Es gab kleine Handwerksbetriebe und winzige Verkaufsläden. Alles das, was bei uns in einem Supermarkt/Baumarkt steht, wird hier einzeln in kleinen Läden verkauft. Der eine verkaufte nur Farben, der nächste nur Schippen, wieder einer Schlösser aus Metall oder Bürsten in allen Formen usw.. Es gab sogar einen kleinen Supermarkt, wo es aber nur Konserven und Getreide in Säcken gab. Käse und Wurst wurde fast gar nicht angeboten. Selbst Butter gab es nur lose. Da wir uns selbst verpflegen wollten, hatten wir ein ziemliches Problem. Obst gab es fast überall zu kaufen. Maisbrötchen oder manchmal auch Brot gab es Nachmittags bis Abends. Morgens hingen aus allen Geschäften gelbe Hühner inklusive Kopf und Krallen. Also ernährten wir uns auch weiterhin mit Obst und Maisbrötchen bzw. der salzigen Kekse

Nasca Cementerio Arqueológico de Chauchilla

Da wir noch Zeit hatten, machten wir einen Abstecher zu einem Friedhof der Chauchilla-Kultur. Wieder fuhren wir in die Wüste. In Peru gibt es selten richtige Hinweisschilder. So waren wir froh, dass wir nach den Kilometerangaben unseres Reiseführers fahren konnten. Nach 18 km gab es dann tatsächlich eine Sandpiste in die Wüste. Guter Hoffnung fuhren wir so 7 km durch den Sand und das Geröll. Dann tauchte eine Hütte und eine handvoll Leute auf. Wir parkten das Auto und bezahlten Eintritt für den Friedhof. Mir war nicht ganz wohl bei der Sache. Wir schlenderten in der heißen Sonne von einem aufgemachten Grab zum nächsten. Überall konnte man die Gebeine ganzer Familien sehen. Nach dem dritten Grab war mir so übel, dass ich nicht mehr hinschauen mochte. Der Rundgang war aber so abgesperrt, dass ich nicht einfach zurückgehen konnte. Also musste ich mich den übrigen Weg irgendwie ablenken. Ich sah mich um und konnte meinen Augen kaum trauen. Überall im Sand blitzten weiße Knochen hervor. Bei den ersten dachte ich mir noch nichts, aber wie ich dann ganze Menschenknochen erkannte wurde es mir unheimlich. Da stand ich nun mitten in der Wüste umgeben von Gräbern und Menschenknochen soweit das Auge reichte. Nach dieser Erkenntnis sah ich natürlich immer noch mehr Knochen aus dem Sand ragen. Ich lief schnell zurück zum Auto und war froh, als wir diesen Ort verlassen konnten.

Nazca Friedhof von Chauchilla

Wir fuhren zurück nach Nasca. Als wir durch die Vororte von Nasca fuhren winkten uns die Leute aufgeregt zu. Autos hupten und deuteten an, dass wir anhalten müssten. Matthias fuhr unbeirrt weiter. Egal was mit dem Auto auch war, er konnte hier nicht einfach so anhalten. Die Gefahr das wir ausgeraubt werden war größer. Bald erkannten wir, dass es sich nur um einen Platten Reifen handeln konnte. Matthias fuhr vor das teuerste Hotel der Stadt. Das Hotelpersonal kam an und half uns bei dem Reifenwechsel.
Mit einem Platten Reifen muss man rechnen, dafür hat man ja ein Reserverad dabei. Matthias wurde jedoch leicht nervös, als er unser Reserverad rausholte. Das sah nämlich genauso aus, wie das, welches eben kaputt gegangen war. Dabei hatten wir unsere Andentour mit Schotterpisten erst vor uns. Es war bereits später Nachmittag, als wir uns auf die Suche nach einem Hotel begaben. Die Hotels, die wir uns rausgeschrieben hatten, waren alle voll. In einem allerdings konnte eine Frau Englisch sprechen und erklärte uns, wo wir einen neuen Reifen kaufen konnten. So fuhren wir erst einmal zum Plaza. Dort fanden wir einen Goodyear Händler. Für 50 US Dollar bekamen wir einen neuen Reifen, aber raufziehen konnte der uns den nicht. Mir fiel ein, dass auf dem Hinweg noch ein Laden mit Reifen war. Wir fuhren wieder zurück, in die Gegend, in der wir erst nicht anhalten wollten, da sie uns zu gefährlich erschien. Jetzt hatten wir aber wirklich keine andere Wahl. Mit Englisch kamen wir hier nicht weiter, selbst Spanisch ist für die meisten Einheimischen eher eine Fremdsprache. So versuchten wir mit Händen und Füßen zu erklären, dass er uns den Reifen aufziehen soll. Er begriff und wollte beginnen, da versuchte er uns zu erklären, dass unser Reifen größer war, als der kaputte. Als hätten wir nicht schon genug Pech gehabt, mussten wir nun tatsächlich einsehen, dass der Reifen den wir gekauft hatten größer war. Wer geht schon davon aus, dass an einem Auto verschieden große Reifen drauf sind. Erst jetzt sahen wir, das unser Auto vorne wesentlich größere Räder hatte wie hinten. Beim Kauf allerdings richteten wir uns nach dem Vorderrad. Wir spielten alle Möglichkeiten durch, versuchten Felge oder Reifen zu tauschen, vergebens. Schließlich entschieden wir uns, den Reifen trotz den Größenunterschiedes aufzuziehen. Somit fuhren wir den Rest unserer Strecke mit drei großen Rädern und einem Kleinen.

Während wir warteten sah ich mich in der Nachbarschaft um. Dabei wurde ich Zeuge eines grausamen Todes. Ein kleiner Hund, abgemagert und eingefallen schleppte sich über die Straße und fiel ständig um. Immer wieder rappelte er sich auf und wandelte durch die Gegend, bis er kaum noch hoch kam. Männer beobachteten ebenfalls das geschehen. Als sie mich erblickten, deckten sie den kleinen Hund mit einer Decke ab. Es dauerte nicht lange, bis es unter der Decke still wurde.
In Peru gibt es furchtbar viele Hunde, die alle meist herrenlos durch die Gegend streifen. Alle sind sie unterernährt und gezeichnet vom Leben auf der Straße. Sie sind ohne Zweifel die ärmsten Geschöpfe in den Anden.
Nach diesen vielen Erlebnissen wurde es bereits dunkel und wir suchten weiter nach einem Hotel. Wir wurden fündig und gingen nach 2 Tagen mit salzigen Keksen endlich etwas richtiges Essen.

Von Nasca nach Abancay

Es war noch nicht einmal richtig hell, da wurden wir von einem unglaublich lauten Wettkampf im Krähen von den Hähnen Nascas geweckt. Somit standen wir auch sehr früh auf und warteten auf das Frühstück. Nachdem wir die zwei obligatorischen Maisbrötchen mit ein wenig Marmelade und dem gepanschten Café genossen hatten, machten wir uns auf in die Berge. 660 km und drei eingeplante Tage trennten uns von der Inka-Metropole Cusco. Aber vorerst mussten wir für einen vollen Tank sorgen. Wir hatten von AVIS einen Benziner bekommen. Nun war es aber gar nicht so einfach Benzin und vor allem Super Plus zu bekommen. Hier in Nasca gab es jedenfalls nur normales Benzin. Wir kauften einen Kanister, weil wir nicht wussten, ob wir vor Cusco noch mal Benzin bekamen und tankten alles voll mit normal Benzin. Unser Proviant bestand aus ein paar Schokoriegel, Brötchen und den salzigen Keksen sowie Bananen, Äpfel und Apfelsinen. Außerdem hatten wir uns zur Abwechslung einen 2,5 Liter Kanister mit Orangensaft geholt.

Wir waren bereit und suchten uns einen Weg durch die Stadt in die Berge. Durch die Weite, die unser Auge nicht gewöhnt war, sahen die Steigungen gar nicht so dramatisch aus, aber unser Auto hatte teilweise ganz schön zu kämpfen. Lange fuhren wir durch eine Steinwüste. Überall lag Schutt und Geröll. Bald kamen Kakteen hinzu, wenigstens etwas Leben. So fuhren wir eine ganze Weile immer höher und höher. Wir Überholten einzelne LKWs, die auf den Steigungen ziemlich zu kämpfen hatten. Die Straße war nicht schlecht, an manchen Stellen etwas eng und uneinsichtig. Leitplanken oder andere Sicherheitsmaßnahmen, die wir aus Europa kennen, gab es hier natürlich nicht. Wir fuhren weiter, Kurve um Kurve bezwangen wir die Höhenmeter. Busse benötigen eine Fahrtzeit von 40 Stunden bis nach Cusco. Irgendwann erreichten wir unseren ersten Pass und konnten in das nächste Tal blicken. Voller Vorfreude genossen wir den Ausblick auf unsere ersten Terrassenfelder die Grün aus der Einöde ins Auge stachen. Wir konnten erste Bewässerungsanlagen sehen und die Einheimischen bei der Feldarbeit beobachten. Weiter ging es bis zur Pampa Galeras, 83 km von Nasca entfernt. Dieses riesige Hochplateau lag bereits auf 3.800 m Höhe. Hier gab es einen Nationalpark für Vicunas und eine von Deutschen gegründete Forschungsstation für diese seltenen Tiere. Diese sehr kleine Lama-Art war bereits vom Aussterben bedroht. Die Vicunas, die einst heilige Tiere für die Inka darstellten, besitzen die wertvollste Wolle auf der Welt. Dies wächst nur auf der Brust und wird einmal im Jahr geschoren.

Die Pampa Galeras ist eine endlose Graslandschaft. Im Anschluss ging die Fahrt weiter zu unserem nächsten Pass Abra Condorcenca mit 4.300 m Höhe. Einmalige Landschaften mit immer wieder neuen Bergformationen offenbarten sich uns. Egal in welcher Höhe, überall gab es kleine Höfe mit zwei bis drei Hütten. Es war sehr kalt. Der Wind pfiff über die Pampa und brachte das Gras zu wellenförmigen Bewegungen. Wie auch in Afrika waren wir fasziniert davon, wie die Menschen in einer solchen Einöde leben konnten. Die Hütten bestanden aus zusammengesammelten Steinen und Grasdächern. Bäume oder Sträucher suchte man hier oben vergebens. Wovon lebten diese Menschen. Uns fielen dazu nur Kartoffeln und Lamas ein. Arbeit gab es hier oben keine. Was sollten die Menschen in einer solchen Höhe anbauen? Später erfuhren wir, dass es in Peru eine große Anzahl an Getreidesorten gibt, die teilweise auch in den höheren Gegenden wachsen. Es war bereits nach Mittag als wir vom Pass aus ins nächste Tal und somit nach Puquio kamen. Eigentlich wollten wir hier eine weitere Nacht verbringen. Die Asphaltstasse hörte vor dem Ortseingang auf und wechselte zu einer total ausgefahrenen Sandpiste. Direkt durch den Ort schlängelten sich die Transit LKWs und Busse. Der Staub war allgegenwärtig. Ein Hotel oder eine Pension, so wie wir es kannten, gab es nicht. Das Leben spielte sich auf der Straße ab. Insgesamt machte dieser Ort einen sehr ärmlichen Eindruck. Wir hielten am Plaza de Armas. Im Reiseführer stand, dass es hier eine Tankstelle geben sollte. Hier gab es aber lediglich eine einfache Abfüllstation für Diesel. Matthias und ich waren uns einig: Hier konnten wir nicht übernachten. Unsere entschieden nicht aufgrund der Ärmlichkeit oder der Primitivität, die sich uns offenbarte. Wir hatten einfach Angst um unser Auto. Hier gab es nirgendwo die Möglichkeit ein Auto wegzuschließen. Am Ende hätten wir gar keine Reifen mehr gehabt. Vor uns langen noch ca. 300 km Richtung Abancay der nächst größeren Stadt. Für die Zeit die wir noch zur Verfügung hatten, viel zu weit.

Es gab zwei Hostales, die wie Salons aus alten Wilden-West-Streifen aussahen. In diesem Ort gab es garantiert keine Kanalisation oder fließendes Wasser. Da wir der Sprache nicht mächtig waren, hielten wir es für sicherer irgendwo in den Bergen zu übernachten. Der Schock saß noch immer tief, als wir aus Puquio fuhren. War das die richtige Entscheidung? Konnten wir in den Bergen wirklich übernachten? Wie kalt würde es nachts werden? Bereits jetzt waren es um die 0 Grad und sehr windig. Wir fuhren so schnell es ging weiter. Die Schönheit der Landschaften lenkte uns ein wenig ab. Wir sahen viele Bergseen auf über 4.000 m Höhe in denen Flamingos standen. Die folgenden Orte bestanden aus drei bis fünf Häusern. Viele Kinder spielten auf der Straße und winkten, wenn sie uns sahen. Ab und zu gab es auch eine Hütte, wo „Restaurant“ dran stand. Wenn uns Einheimische begegneten so winkten sie uns immer zu und freuten sich Touristen zu sehen. Wir winkten immer zurück und waren begeistert über soviel Freundlichkeit. Leider konnten wir uns mit ihnen nicht unterhalten, auch etwas abgeben hätten wir nicht können, weil wir selber nichts dabei hatten. Wir erreichten die Stelle, ab der in unsere Straßenkarte eine Schotterpiste eingezeichnet war. Glücklich folgten wir der neuen Asphaltstrecke und hofften, dass sie uns noch weit begleiten würde. Bis auf ein paar hundert Meter war die Strecke durchgängig asphaltiert und wir konnten mit 70 – 80 km/h durchfahren. Somit erreichten wir spät am Abend doch noch Abancay und fanden ein Hotel, mit einem abschließbaren Parkplatz. Matthias war so fertig von der Tour, dass er gleich ins Bett sank und einschlief. So gab es wieder nur etwas aus unserem spärlichen Proviant zu beißen, was aber auch satt machte.

Von Abancay nach Cusco

Am nächsten Morgen standen wir wieder relativ zeitig auf. Wasser gab es hier nur kaltes. So genehmigten wir uns wenigstens ein kleines Frühstück, wieder Maisbrötchen und brachen auf nach Cusco. Da wir gestern einen ganzen Tag eingespart hatten, waren wir nun froh unseren Puffertag – den wir bereits in Lima verbraucht hatten, wieder zu haben. Wir ließen es ruhig angehen und fuhren durch Abancay zu unserem nächsten Pass in Richtung Cusco. Die Landschaft war traumhaft. In den Tälern wuchsen Kakteen und Palmen nebeneinander. Alles war üppig grün und machte einen sehr urigen Eindruck. Die Menschen arbeiteten auf ihren Feldern und trieben ihr Vieh von einer Grünfläche zur nächsten. Oftmals wurde die Transitstrecke, auf der auch LKWs und Busse entlang donnerten als Weg benutzt. So begegneten uns sehr viele Kühe, Ochsen, Esel und Schafe oder Lamas. Wir hielten nun öfter an und genossen die Aussicht auf immer schönere Täler. Jetzt im nachhinein wissen wir, das die Strecke von Nasca nach Cusco landschaftlich mit die schönste auf unserer gesamten Peru-Reise war. Wir sahen beispielsweise wie das Korn gedroschen wurde, wie mit der Hilfe von Ochsen gepflügt wurde oder wie sich Schweine durch die abgeernteten Felder wühlten. Jedes Tal schien auch von anderen Menschen besiedelt zu sein. Wir erkannten die Unterschiede vor allem an den verschiedenen Hutformen, die vor allem die Frauen trugen. Auch die Kleidung war jedes Mal etwas anders. Die Menschen in den Bergen tragen alle ihre traditionell bunte Kleidung aus Lamawolle. Dadurch wurden sie auf den Feldern oder am Wegesrand immer gut gesehen. Da kaum einer aus der Bevölkerung ein eigenes Auto besaß liefen viele an der Straße entlang. Die Frauen hatten immer eine Spindel dabei mit der sie Garn sponnen.
In einem Tal sahen wir eine alte Ruine. Unser Reiseführer verriet uns, dass dies die Ruinen von Piedra de Saywite waren. Wir beschlossen dort kurz zu halten.

Piedra de Saywite

Über mehrere Feldwege gelangten wir auf einen kleinen Parkplatz und stiegen aus. Die Luft war herrlich klar. Wir waren auf knapp 4.000 m Höhe, die Sonne schien vereinzelt durch die Wolken die sich über uns hinwegschoben. Ein Mann kam herbeigeeilt. Er war kleiner wie ich, vielleicht knapp 1,60 m groß und erklärte mir irgendetwas auf Spanisch. Ich erklärte ihm das ich nicht gut spanisch spreche und konnte aber den Eintrittspreis heraushören. Nachdem wir bei ihm bezahlten, führte er uns durch die Ruine und zeigte uns alles, dabei erklärte er eifrig auf Spanisch was wir sahen. Es war nett. Er führte uns zu einem großen halbrunden Stein mit einem Durchmesser von ca. 4 m. In diesen Stein waren die 4 Teile des Inkareiches originalgetreu mit allen Straßen, Häusern, Terrassen, Kanälen, Tieren und Menschen eingehauen worden. Es war eine einzigartige Landkarte aus der Inkazeit. Damit die Touristen den Stein auch richtig Fotografieren können, gab es eine alte Holzleiter, die auf den Zaun, der um den Stein stand, gelegt wurde. Matthias wurde aufgefordert auf die Leiter zu steigen um Fotos zu machen. Da Matthias die Richtung nicht stimmte trugen beide die Leiter rum. Witzige Situation.

Später erkundeten wir die Anlage zu Fuß, dabei stiegen wir hinab zum Sonnentempel. Runter war das alles kein Problem, nur beim Wiederhochkommen hatten wir nicht an die Höhe gedacht, in der wir uns befinden. Aber zuvor genossen wir die wunderschöne Landschaft. Rechts und links arbeiteten die Einheimischen auf ihren Feldern. Kinder pfiffen und winkten uns zu. Auch Erwachsene wurden nun auf uns aufmerksam und hießen uns willkommen. Sicherlich lag es auch mit an meinen roten Haaren, was die Leute hier sehr verblüffte.
Wir quälten uns den Tempel hinauf zu unserem Auto. Langsam Schritt für Schritt stemmten wir uns nach oben. Unsere Lungen pumpten den wenigen Sauerstoff ins Blut. Oben angelangt, mussten wir erst einmal verschnaufen.
Wir fuhren noch durch ähnlich schöne Täler. Kurz vor Cusco jedoch wurde es wieder karger. Wir hatten soviel schönes gesehen, dass wir uns richtig auf Cusco, die Inka-Metropole, freuten. Aber was wir zuerst sahen, als wir von oben auf Cusco zufuhren, war eher schockierend. Wie jede große Stadt, so hat auch Cusco an den Stadträndern seine Elendsviertel. Endlos fuhren wir durch ärmliche Hütten, Dreck und Gestank. Das Elend schien kein Ende zu nehmen und meine Angst vor einem neuen Rückschlag auf unserer Reise wuchs. Die Stimmung auf dem Tiefpunkt versuchten wir einen Weg in die Innenstadt zu finden. Das Chaos war zu groß, als das wir uns einen Überblick verschaffen konnten. Matthias hatte ein Zimmer in der Pension „Alemania“ gebucht, die es jetzt zu finden galt. Die Straßen waren wieder schachbrettartig um den Plaza de Armas angeordnet. Das Problem war nur, dass wir zwar sehen konnten wo wir hinwollten, aber durch das Einbahnstraßensystem gezwungen waren ständig in eine andere Richtung zu fahren. Schon leicht grillig drehten wir Runde um Runde. Schließlich kamen wir unserem Ziel näher. Nun wurden die Straßen enger und aufgrund der Berge sehr steil. Manche Straßen sahen nicht aus, als ob man sie wirklich befahren konnte. Wir hatten ziemliche Probleme mit unserem großen Auto. Teilweise war es auch nicht möglich in Sackgassen, die nicht gekennzeichnet waren, zu wenden. Wir gaben auf. Wir stellten das Fahrzeug ab und machten uns zu Fuß auf die Suche nach der Pension. Wir hatten Glück und bezogen unser Quartier für mindestens 4 Tage. Wir hatten ein nettes kleines Zimmer mit Blick über Cusco. Das Hausmädchen servierte uns zum Empfang einen Mate de Coca auf der Terrasse. Den konnten wir jetzt auch gut gebrauchen.

Stadtrundgang Cusco

Am nächsten Morgen war es schwer das warme Bett zu verlassen. Es war sehr kalt im Zimmer. Wir machten die Fenster auf, um die wärmende Sonne herein zu lassen. Gefrühstückt wurde im Aufenthaltsraum. Hier gab es zur Abwechslung auch Müsli und Joghurt sowie Käse. Die Maisbrötchen blieben uns jedoch auch hier nicht erspart.
Wir hatten uns vorgenommen gleich zum Bahnhof zu gehen, um uns Tickets für Machu Picchu zu besorgen. Auf dem Weg dahin sahen wir, wie Cusco zum Leben erwachte. Die meisten Geschäfte hatten noch zu. Die Kinder gingen in niedlichen Uniformen zur Schule. Auf unserem Abstieg durch die Gassen der Altstadt auf den Plaza de Armas zu kamen wir stets an der Inka-Mauer mit dem 12-eckigen Stein vorbei. Zu jeder Zeit stand dort ein Mann in Inka-Uniform und bewachte diesen Stein. Heute Morgen war es der selbe, wie gestern Abend, armer Kerl.

Was in jeder Großstadt und auch in Cusco sehr unangenehm war, ist der Geruch von Fäkalien. Generell ist es so, dass die Abwasseranlagen in Peru nicht besonders gut oder teilweise gar nicht vorhanden sind. Deshalb soll man auch nie das benutzte Toilettenpapier in die Toilette werfen, sondern in den nebenstehenden Eimer. Ich konnte mir vorstellen, dass die Touristen dies nicht immer beherzigen. Es war auch für mich am Anfang nicht leicht, dies so zu tun. Aber das war bestimmt der Grund, warum an einigen Ecken das Abwasser hochdrückte und es demzufolge sehr unangenehm roch. Auch beobachteten wir, das es keine öffentlichen Toiletten gab. So existierten Stellen, wo alle Einheimischen plus die vielen Hunde hinpinkelten.
Wir liefen immer gerade aus zum Bahnhof. Am Bahnhof angelangt, waren die großen Tore verschlossen. Da wir die Hinweisschilder nicht verstanden, blieben wir eine Weile stehen, um das Geschehen zu beobachten. Immer wieder wurden Leute in den Bahnhof gelassen. Wir versuchten ebenfalls in den Bahnhof zu gelangen. Ein Angestellter der Bahn wies uns zurück. Wir erklärten ihm notdürftig, dass wir Tickets für Machu Picchu kaufen möchten, aber er verstand uns nicht. Ein anderer Mann, der uns beobachtete versuchte uns zu erklären, dass es die Tickets an einem anderen Bahnhof gebe. Wir zeigten ihm unseren Stadtplan und er zeigte uns den richtigen Bahnhof am anderen Ende der Stadt. Wir bedankten uns und machten uns auf den Weg vom „Estación Ferrocarril San Pedro“, wo die Züge nach Machu Picchu abfahren zum „Estation del Sur Wanchaq“ wo die Züge nach Juliaca und Puno abfahren. Auf dem Weg lag der Mercado Cenrtral Sta. Ana, einer der größten überdachten Märkte Cuscos. Überaus geschäftig versuchten die Händler ihre Ware zu verkaufen. Es gab richtige Abteilungen: Fleisch, Gemüse, Eier, Reis usw.. In jedem großen Markt gab es eine Art Gemeinschaftsküche. Hier standen unzählige Frauen an kochenden Töpfen und bereiteten Malzeiten vor. Hier konnten die Einheimischen sich etwas zu essen kaufen, ähnlich wie bei uns an einer Imbiss-Bude, nur dass das Essen hier garantiert gesünder war. Die Sonne erwärmte uns durch die Stadt Laufende ziemlich schnell, so dass wir den zweiten Fleecepullover schnell auszogen. Der andere Bahnhof lag am anderen Ende der Avenue El Sol in einer eher unspektakulären Gegend. Wir erreichten den Bahnhof bereits mit trockener Kehle.

Wir passierten ein paar Kontrollpunkte ohne Probleme und wurden zu einem kleinen Office geleitet. Hier hieß es Nummern ziehen, ähnlich wie bei uns auf dem Amt. Nur das hier die Anzeige nicht funktionierte. Es gab insgesamt 3 Schalter an denen die Tickets verkauft wurden. Aber es waren nur wenige Touristen unter den Einheimischen und wir kamen uns etwas unbeholfen vor. Schnell bekam ich mit, dass ein Polizist oder Wachschutz die Nummernvergabe überwachte und die nächste Nummer aufrief so wie ein Schalter frei wurde. Wir warteten eine gute halbe Stunde ehe wir an der Reihe waren und erklärten mit Händen und Füßen, dass wir nach Machu Picchu wollten. Sie gab uns einen Beleg mit dem wir bei einer Kasse erst einmal unsere Tickets bezahlen sollten. Da dort auch wieder eine Schlange stand, dauerte es nochmals eine Weile. Als wir zurück kamen, erhielten wir unsere Tickets für den kommenden Tag. Ach waren wir stolz.
Wir liefen wieder zurück ins Zentrum, dabei kreuzten wir einige Kunst- und Souvenirhallen. Da hier noch nichts los war, ließen wir uns Zeit und schauten ausgiebig. Von den Verkäufern wurden wir stets höflich und nett angesprochen, so dass wir auch mal nachfragten und ein bisschen kommunizieren konnten. Niemand war aufdringlich oder gar nervig.
Ich hätte mich gerne in ein Cafe gesetzt und etwas getrunken, aber Matthias zog mich weiter. Wir mussten eine Niederlassung von Aerocontinente finden. Eine inländische Fluglinie bei der wir unsere Inlandsflüge gebucht hatten. Außerdem wollte Matthias noch zu Lufthansa wegen unseres Gepäcks. Wir verbrachten lange damit, von einem Büro zum nächsten zu gehen. Schließlich fanden wir eine Niederlassung von Aerocontinente und mussten feststellen, das unsere Flüge umgebucht wurden. Die Abflugzeiten verschoben sich, von unserem Gepäck gab es allerdings keine Spur. Als wir das geschafft hatten, holte ich mir erst einmal eine kalte Cola und wir setzten uns auf den Plaza de Armas um unsere Füße auszuruhen.

Als nächstes besichtigten wir die Kathedrale „La Catedral“. Soviel Gold, Silber und Bronze hatten wir noch in keiner anderen Kirche gesehen. Wir schlossen uns einer deutschsprachigen Führung an und staunten über die riesigen Gemälde und die herausragende Architektur.
Wir hatten viel Zeit dort verbracht und suchten als nächstes das Inka-Museum auf. Wir besichtigten noch einige andere Sehenswürdigkeiten und liefen hoch zur San Christóbal. Einer Kirche die hoch oben über der Stadt stand. Von dort hatten wir einen wunderschönen Blick über Cusco. Ich setzte mich auf ein Stück Mauer um meine schmerzenden Füße zu entlasten. Kinder, die aus der Schule kamen, ließen Drachen aus Plastiktüten steigen und machten einen aufgeweckten Lärm. Hier in Cusco spürten wir das Südamerikanische Leben mit all seinen Facetten besonders intensiv.
Es war Zeit unser Auto von AVIS abzuholen. Nun mussten wir wieder von einem Ende der Stadt zur Avenue El Sol. Aber es lief gut, unser Auto war ganz und wir fuhren damit durch die engen Gassen zur Pension. In der Pension trafen wir auf einen Schwaben, der ganz allein durch Peru reiste. Er war wohl sehr froh, endlich Deutsche zu treffen und verwickelte uns in lange Gespräche. So kamen wir erst zum Abend wieder aus der Pension um etwas Essen zu gehen. Den Abend ließen wir ruhig ausklingen, da wir am nächsten Morgen zeitig gegen 5 Uhr aufstehen mussten um nach Machu Picchu zu fahren.

Zugfahrt nach Machu Picchu

Geschlafen hatte ich kaum vor Aufregung. Ich hatte viel zu viel Angst, diesen wichtigen Ausflug zu verschlafen. Somit standen wir ganz pünktlich auf und gingen in die Küche um unser Frühstückspaket in Empfang zu nehmen und auf das Taxi zu warten. Wie immer in Peru kam der Taxifahrer zu spät. Gut das wir Pufferzeit eingeplant hatten. Wir fuhren durch das dunkle Cusco zum Bahnhof „Estación Ferrocarril San Pedro“. Die großen Tore waren nun geöffnet. Von überall strömten hektisch die Touristen her. Der gesamte Bahnhofsvorplatz war voll mit Taxis und fliegenden Händlern, die Süßigkeiten und Popcorn anboten. Wir kämpften uns durch die Massen. Aber weit kamen wir nicht. Eine Absperrung und Wachschutzposten verhinderten, dass wir zu den Zügen kamen. Dadurch das insgesamt 3 verschiedene Züge nach Machu Picchu kurz nacheinander fahren, wurden immer nur diejenigen Reisenden reingelassen, die mit dem ersten Zug fuhren. Wir fuhren mit dem letzten Zug, dem billigsten der drei Züge und mussten demzufolge noch eine ganze Weile warten. Es war sehr kalt. Touristen aus allen Herren Länder drängelten und schupsten, um die ersten zu sein. Dabei hatte das alles gar kein Zweck.

Irgendwann durften auch wir auf den Bahnsteig. Auf den Tickets stand, dass wir im Wagen F unsere Plätze hatten. Es war der letzte Wagon. Vor jedem Wagon stand ein Aufsteller mit dem jeweiligen Buchstaben und ein Zugbegleiter. Diesem zeigten wir unsere Fahrkarten und er suchte daraufhin unsere Namen auf einer Liste. Soviel Kontrolle verblüffte mich. Er hackte unsere beiden Namen ab und wir durften einsteigen. Die Sitze waren mit dunkelblauen Stoff bezogen und mit bunten Streifen bestickt. Uns gegenüber saß ein Vater mit seiner Tochter. Es dauerte nicht lange, ehe wir mitbekamen, dass die Mutter mit dem Sohn eine Sitzreihe weiter vorne sitzen musste. Wir boten ihnen unsere Plätze zum Tausch an. Die Kinder waren hell auf begeistert, dass jetzt alle zusammensitzen konnten.

Als es dann endlich los ging wurde es bereits hell und vor uns lagen knapp 4 Stunden Zugfahrt. Im Zickzack ging es aus der Stadt heraus. Um den Berg hochfahren zu können musste die Bahn einmal vorwärts und dann wieder rückwärts den Hang entlang fahren. Bei jedem Zickzack-Wechsel musste der Schaffner vom Zug abspringen und die Weiche umlegen. Da wir im letzten Wagon saßen hatten wir hinten bzw. vorne raus oft eine gute Sicht. Insgesamt war die Fahrt sehr interessant, da wir durch die ärmeren Siedlungen an der Stadtgrenze fuhren. Es waren unheimlich ärmliche Gegenden mit viel Müll und Dreck. Die Einheimischen nutzten die Schienen als Weg und der Zugbegleiter musste stets laut Pfeifen. Wir konnten direkt in die Höfe und Häuser sehen und bekamen das Leben hautnah mit. Als wir über den Berg waren, fuhren wir durch ein langgestrecktes Plateau, die Hochebene Anta-Tales, welches für die Landwirtschaft genutzt wurde. So fuhren wir hauptsächlich durch Kartoffel- und Maisfelder. In der Ferne sahen wir die schneebedeckten Sechstausender thronen.
An jeder Haltestelle stiegen einzelne Wandergruppen aus, je nach dem, ob sie eine vier, drei oder zweitägige Wanderung zu Machu Picchu gebucht hatten. Überall boten Einheimische ihre Souvenirs an. Wir fuhren die gesamte Zeit bergab. Es wurde immer wärmer und die Vegetation nahm zu. Bis wir schließlich entlang des Rio Urubamba fuhren. Der Zug war gut gefedert und fuhr zwischen 60 – 80 km/h. Wir schunkelten so gemütlich durch die Gegend und die Vorfreude auf Machu Picchu wuchs stetig. Das Tal wurde immer uriger. Bald glich die Vegetation der eines Urwaldes, das heilige Tal war erreicht. Die Luft ist merklich feuchter und wärmer. Farne, Lilien, Orchideen, Lianen und Schlinggewächse bedecken die steil abfallenden Berghänge. Alle Fahrgäste stehen aufgeregt an den Fenstern und erwarten die Ankunft in Aquas Calientes. Alles schnattert begeistert durcheinander. Wir waren die einzigsten Deutschen in diesem Wagon, die übrigen Urlauber waren Europäer aus Italien, Spanien, England und den Niederlanden.
Die Einfahrt nach Aquas Calientes war atemberaubend. Wie an einer Hauptstraße standen Souvenirläden und Restaurants an den Gleisen. Es gab kein Bahnsteig an sich. Wir mussten aus dem Zug auf das Gleisbett springen und an den Schienen entlang zu den Bussen laufen. Erst jetzt erzählte mir Matthias, das wir noch mit einem Bus bis zu Machu Picchu fahren müssten. „Nicht lange!“ versprach er. Da ich Reisekrank bin und keine Busfahrt vertrage, stieg in mir bereits die Angst. Ich stellte mich in die Schlange um die Bustickets zu kaufen, währenddessen Matthias übereifrig Fotos schoss. Alle Touristen wollten natürlich so schnell wie möglich nach Machu Picchu, somit war das Gedrängel groß. Wir rutschten mit in den nächsten Bus. Zum schlecht werden war gar keine Zeit. Matthias schob mir noch schnell ein Bonbon in den Mund und auf ging es. Kurve um Kurve ging es auf einer scheinbar nicht enden wollenden Sandpiste den Berg hinauf. Durch hupen verständigten sich die Busfahrer der Shuttles, wer als erster um die 180 Grad Kehren rasen durfte. Das ganze war so Aufregend, dass ich die Busfahrt gut überstand. Die Aussicht aus dem Bus war aber auch so atemberaubend, dass einem nichts anderes in den Sinn kam. Unter uns lag nun das wunderschöne grüne Urubamba Tal mit der Haltestelle und dem Ort Aguas Calientes. Um uns herum wuchsen riesige grün bewachsene, aber steile Berge in den Himmel. Wir fuhren höher und höher. Der Fluss im Tal wurde immer kleiner. Wir hielten. Die Touristen strömten aus dem Bus und auf direktem Weg zur Kasse.

Die heilige Stadt Machu Picchu

Unsere Eintrittskarten. Wir liefen durch den Eingang und gleich nach links oben. Hier liefen weniger Touristen. Die Sonne brannte schon ziemlich stark. Stufe um Stufe liefen wir immer höher, noch konnten wir den lang ersehnten Ausblick nicht sehen. So liefen wir um einiges schneller, wie unsere Mitbestreiter. Bis wir an einem wunderschönen Aussichtspunkt ankamen. Diesen Augenblick werden wir unser Lebtag nicht vergessen. Einmalig offenbarte sich uns nicht nur ein traumhaftes Naturschauspiel sondern auch ein unvergleichlich mystischer Ort. Die Sonne schien direkt auf die heilige Stadt, die in Harmonie und Ruhe aber voller Macht vor unseren Füßen lag. Unbeschreibliche Gefühle schossen durch unsere Körper, so dass jeder erst einmal mit sich selbst zu tun hatte. Ich hatte Mühe meine Tränen des Glücks und der Überwältigung zurück zu halten. Ich hätte nie gedacht, dass ein Ort eine so emotionale Wirkung hervorrufen kann. Mein Gehirn konnte keine klaren Gedanken fassen und versuchte die Situation zu begreifen. Wir verbrachten sehr viel Zeit dort oben und ließen diese einmalige Aussicht auf uns wirken. Auch wenn ich ein sehr realitätsnaher Mensch bin, so musste ich hier eingestehen, dass hier unheimlich starke Energien auf uns wirkten. Anders konnte ich mir dieses Gefühlschaos nicht erklären. Matthias ging es ähnlich wie mir, so dass wir auch noch lange hinterher über die Situation nachdachten.

Eigentlich hatten wir vorgehabt, den zuckerhutähnlichen Berg Waynapicchu hinter Machu Picchu hoch zu wandern. Von unserem Aussichtspunkt aus sahen wir jedoch, das sehr viele auf diese Idee gekommen sind. Wie eine Perlenschnur zogen sich die Touristen bis zum Gipfel. Darauf hatten wir keine Lust. Wir beschlossen in die andere Richtung auf dem Inka-Trail, dem königlichen Weg Richtung Sonnentor zu laufen nach Intipunku. Wir hatten ein paar Stunden Zeit und genossen die Aussicht, wo wir nur konnten. Es war warm und schnell hatten wir unsere Klamotten ausgezogen und holten uns einen schönen Sonnenbrand. Auf den schweißgebadeten Hautstellen, die an der Luft waren setzten sich kleine Fliegen nieder, die böse Stiche hinterließen und mich noch mehr als eine Woche mit furchtbaren Jucken ärgern sollten. War ich froh, dass ich eine Jeans auf dem Hintern hatte. Wir liefen straff bergauf. Machu Picchu wurde immer kleiner, verlor aber nicht an Reiz. Auf den Steinen des Inka-Trails versuchten Tausende von weiß behaarten Raupen den Weg zu überqueren. Viele waren schon zertrampelt worden. So bemühte ich mich um die vielen Raupen herum zu laufen. Der Weg war gesäumt von Lilien und anderen wunderschönen tropischen Pflanzen. Wir kamen an einer wichtigen Kontrollstation von Machu Picchu vorbei. Von hier aus wurde jeder, der nach Machu Picchu wollte, kontrolliert. Die Apacheta ist ein 16 x 8 m großes, rechtwinkliges Steingebäude mit trapezförmigen Nischen. Der Weg führte mitten durch das Gebäude. Somit konnte der Durchgang zur Stadt jederzeit versperrt werden. Wenig später erreichten wir auch das rätselhafte Sonnentor. Von hier aus, hatten wir einen schönen Ausblick auf Machu Picchu und die unglaubliche Bergwelt. Auf der anderen Seite konnten wir ins nächste Tal blicken. Von hier kommen die Inka-Trail Wanderer. Zu gerne wäre Matthias diesen Trail gelaufen. Ein wenig wehmütig sah er in die Berge und meinte: „Es muss doch noch ein wesentlich intensiveres Erlebnis sein, wenn man nach drei Tagen Schinderei hier oben ankommt und auf die Heilige Stadt zuläuft.“ Er schüttelte fassungslos den Kopf und setzte sich um die atemberaubende Sicht genießen zu können. Er sah mehr als zufrieden aus, fast wie in Trance. Wir aßen Riegel aus gepopten Getreide und Obst. Wir verweilten eine Weile ehe wir wieder entspannt zurück liefen. In der heiligen Stadt selber liefen wir durch die gut erhaltenen Ruinen. Ich war überwältigt von der Größe der Wohnhäuser und den verschiedenen Anlagen. So langsam mussten wir uns nun von Machu Picchu verabschieden.

Unseren Zug nach Cusco durften wir nicht verpassen. So stellten wir uns in die riesige Schlange um mit dem Busshuttle wieder ins Tal zu fahren. Irgendwie selig traten wir unsere Rückreise an. Wir kauften noch kurz eine Pizza, die wir im Zug verspeisten. Wir waren mächtig geschafft und müde. Draußen wurde es bereits dunkel. Es stieg eine Gruppe Niederländer zu, die mehrere Tage auf dem Inka-Trail unterwegs gewesen war. Sie feierten sich und gossen sich ein Bier nach dem nächsten hinter die Kehle. Allesamt sahen sie aber sehr erschöpft und zerstochen aus. Mit Sicherheit hatte die Gruppe eine unvergessliche Tour hinter sich. Irgendwie beneideten wir sie, weil wir diese Erfahrung aufgrund unserer wenigen Zeit, die wir in Peru hatten, nicht machen konnten. So rüttelte uns die Rail Peru in 4 Stunden zurück nach Cusco.

Das Heilige Tal “Urubamba”

Den nächsten Tag wollten wir ruhiger angehen lassen. Wir entschlossen uns den Spuren der Inka ins heilige Urubamba Tal zu folgen. So fuhren wir mit unserem Auto aus Cusco zur alten Inka-Festung Saqsaywamán. Direkt auf einer Ebene oberhalb Cuscos befanden sich riesige Festungsanlagen. Gigantisch erheben sich drei Zickzack Mauern aus passgenauen Steinblöcken auf drei verschiedenen Terrassen. Die noch erhaltene Anlage ist ca. 600 Meter lang und nur eines von sieben weiteren Festungsbestandteilen. Wir liefen durch die Mauern bis auf die oberste Terrasse. Die einzelnen Blöcke waren ungeheuer groß. Der Größte soll 6,20 x 5 x 4 Meter groß sein und etwa 42 Tonnen wiegen. Kaum vorstellbar, wie Menschen ohne technische Hilfsmittel diese Kolosse hierher gebracht und sie dann auch noch passend übereinander gestapelt haben. Die Wände der Mauer samt den Fugen waren so glatt, dass keiner eine Chance hatte, hier hoch zu klettern, zumal die einzelnen Mauern zwischen 5 und 10 m hoch waren.

Oben angelangt erhielten wir eine großartige Aussicht auf Cusco. Wir konnten beobachten, wie sich die üblichen Sonntagsumzüge mit viel Tamtam durch die Straßen und über den Plaza de Armas zogen. Wir ließen uns auf den Steinen nieder und lasen uns das wichtigste zu den weiteren Festungsanlagen durch. Wir besichtigten die Festungstürme, den religiösen Sektor, den Thron des Inka-Königs und weitere heilige Stätten. Am gigantischsten blieben jedoch die Mauern.

Wir zogen weiter zur nächsten Inka-Stätte dem Chincana Grande (Qocha) einem großen Labyrinth. Das eigentliche unterirdische Labyrinth bleibt für Besucher versperrt, da es vorgekommen sei, dass Leute sich im Labyrinth verliefen und verhungerten. Die ganze Stätte besteht aus einem riesigen Kalkstein in den Altäre und Skulpturen eingemeißelt sind. Wir lauschten einer englischsprachigen Reisegruppe und erfuhren, dass diese Stätte vermutlich ein magischer Platz war. Wobei sich die Wissenschaftler wie immer nicht sicher sind, ob diese Stätte schon zur Pre-Inkazeit von Bedeutung war.

Wir fuhren weiter zu einer kleinen Burgfestung Namens Pukapukara. Wir stellten unser Auto ab und bahnten uns einen Weg durch die fliegenden Händler, die Ihre Souvenirs und Süßigkeiten anboten. Ein wenig weiter liefen wir an einer kleinen Familie aus 3 Frauen und ihren Kindern vorbei. Ein kleines Mädchen, es konnte gerade laufen, trug die typische Inkatracht und strahlte uns an. Sie lief tapsig von einem Stein zum nächsten. Wir waren überrascht über die Freundlichkeit und Offenheit. Die Frauen versuchten uns ihre Waren anzubieten. Sie hatten hübsche aus Ton gefertigte Krüge, Schalen und Näpfe, die sie mit den typischen Inkamuster bemalt hatten. Für uns kosteten die kleinen Kunstwerke kaum Geld, so kaufte ich jeder der drei Frauen etwas ab. Matthias unterdessen machte einige schöne Fotos von der Familie, wofür die Kinder auch noch mal einen Obolus bekamen. Eigentlich ist es für uns Deutsche traurig anzusehen, wenn sich Menschen für Geld fotografieren lassen. Auf der anderen Seite, finden wir diese Art der Dienstleistung besser als bettelnde Kinder aus anderen armen Ländern. Den Kindern war es nicht unangenehm im Gegenteil sie hatten Spaß dabei und wir hatten im Gegenzug ein schönes Andenken erhalten.
Das kleine Treffen mit der Familie war schöner wie die Festung die wir eigentlich anschauen wollten. Demzufolge gingen wir zu Fuß weiter zum Heiligen Bad Tambomachay. Auch hier saßen einfache Leute die Souvenirs hauptsächlich Textilware und Skulpturen anboten. Auch hier nutzten wir wieder die Gelegenheit nach Andenken Ausschau zu halten. Auf unserem Rückweg kam uns eine Frau entgegen, die für die Verkaufsleute Essen brachte. Das duftete richtig gut und sah auch echt lecker aus. Am liebsten hätten wir uns auch in die Reihe gestellt um einen Teller abzubekommen. Aber wir waren aus einer anderen Welt und gingen zurück zu unserem Auto.
Wir fuhren weiter über einen Pass ins Urubamba Tal

Der Markt von Pisaq

Wir tauchten ein ins heilige Tal und bewunderten die Terrassenanlagen an den Berghängen. Das Tal selber war wieder etwas grüner und von der Landwirtschaft geprägt. Wir wollten den berühmten Markt von Pisaq besuchen und fuhren in die kleine Stadt über der ebenfalls eine alte Inka Ruine thronte. In dem Ort sprudelte es vor Leben. Es war Sonntag und das Markttreiben war in vollem Gange. Bereits früh am Morgen erreichen die ersten Händler aus den umliegenden Orten Pisaq, um ihre Waren anzubieten. Der Markt teilt sich in zwei verschiedene Märkte. Zum einen gibt es den touristischen Markt, der neben vielen einheimischen Textilien verschiedene Souvenirs und andere interessante Dinge bereithält. Hier tummelten sich allerdings mehr Einheimische wie Touristen.

Wir verbrachten viel Zeit, probierten die eine oder andere Köstlichkeit aus den heimischen Öfen und bestaunten die vielen Kunstgegenstände. Es gab so vieles zu entdecken. Beeindruckend waren die Einheimischen, die mit ihren traditionellen Kleidern ihren Geschäften nachgingen oder die Meerschweinchen, die zum Verkauf angeboten wurden. Wie wir dann aber auf den eigentlichen Markt kamen verschlug es uns die Sprache. Überall wimmelte es vor kleiner bunter Menschen. Auf blauen Plastiktüten wurden die Früchte und Lebensmittel der Einheimischen angeboten. Man konnte selbstgebaute Besen und Holzlöffel kaufen. Frauen saßen vor unzähligen Näpfchen mit den intensivsten Farbpulvern die ich je gesehen hatte. Es gab Mais in den unterschiedlichsten Varianten, teilweise so groß wie Süßkirschen oder Cocktailtomaten. Wir bahnten uns einen Weg durch das Gewimmel. Einfach Irre!

Als wir dann durch die engen Gassen zurück zu unserem Auto liefen, konnten wir in die Hinterhöfe und in die Häuser sehen. Es war immer wieder erschreckend in welcher Ärmlichkeit die Menschen hier leben. Trotz der Touristen, die vor allem Cusco und Umgebung besuchten gab es so viel Elend in dieser Gegend. Wie mag es erst in den entlegenen Gebieten dieses Landes zugehen?

 

Tempelburg Ollantaytambo

Wir fuhren weiter durch das malerische Tal, entlang des Urubamba. Die Ortschaften wirkten verschlafen. In einem Dorf wurde ein Fußballspiel ausgetragen. Unheimlich viele Menschen waren gekommen um Ihre Mannschaften anzufeuern. Das ganze hatte ein bisschen etwas von einem Volksfest. Wenige Meter weiter konnten wir Familien auf Ihren Feldern bei der Arbeit beobachten. Die Peruaner leben in einer großer solidarischen Gemeinschaft. So helfen sich die einzelnen Familien untereinander bei der Ernte, dem Pflügen oder anderen wichtigen Aufgaben. Es sah so friedlich aus wie mehrere Bauern ein Acker vor herrlich blühenden Terrassen pflügten. Ein Junge ging voran um den Weg vorzugeben die anderen folgten dem Pflug.
Wir kamen in Ollanta an, dem letzten befahrbaren Ort vor Machu Picchu im heiligen Tal. Die Straßen waren sehr eng und verwinkelt. Wir fuhren bis zu einem kleinem Plaza. Wie immer gab es nicht viele private Pkws. Wir stellten uns zu den zwei anderen Fahrzeugen und verfielen gleich wieder in einen Kaufrausch. Hier gab es herrliche bunte Stofftaschen. Ich verliebte mich in eine, obwohl ich sonst keinen Wert auf solche Dinge lege und musste sie der Frau abkaufen. Wir ließen uns Zeit und sahen uns erst einmal um bevor wir zur Tempelburg Ollantaytambo liefen. Auf dem Plaza stand ein Mann mit zwei Lamas die Chasqui und Viento hießen. Beide waren vor eine kleine Kutsche gespannt und sollten wahrscheinlich Touristen zur Burg fahren. Lustig waren die vielen bunten Wollbommeln die an den Lamas, dem Mann und dem Wagen hingen.
Vor dem Eingang zur Burgruine Ollantaytambo gab es noch einmal einen Markt mit Souvenirs. Hier gab es wieder die unterschiedlichsten Taschen aus dem typischen Inkastoff in bunten Farben. Ich erinnerte mich an einen Rucksack, der aus ähnlichem Material und bunten Farben war, den ich während meiner Schulzeit ständig mit mir trug.

Als wir unseren Eintritt bezahlt hatten, staunten wir nicht schlecht über die gewaltige Höhe und die Ausmaße dieser Anlage. Viele Touristen liefen auf den Mauern und Terrassen umher. Wir folgten dem Hauptstrom und beschlossen uns ganz nach oben zu kämpfen, um uns einen Überblick zu verschaffen. Die Stufen waren mächtig hoch und meine Lunge rang schon wieder nach Luft. Diese Inkas müssen unheimlich kräftig und gut durchtrainiert gewesen sein. Ich stellte mir in der Sonne glänzende Muskelpakete in gut geschnittenen Rüstungen vor und erklomm so Stufe um Stufe. Irgendwann hatten wir die schwabbeligen Amerikaner alle überholt und ließen uns oben auf einen Stein nieder. Wir genossen erst mal die Aussicht und versuchten unseren Puls zu stabilisieren. Weiter ging es später über weitere Terrassen. Wir sahen wieder Bewässerungsanlagen und Altäre, besichtigten Wohnhäuser und Teile des Tempels. Die Inka hatten einen Baustil, den man in allen Ruinen wiederfand. Kaum vorstellbar waren auch die vielen Tiersymbole, die in den einzelnen Anlagen eingebaut waren. Auch die astrologische Ausrichtung war sehr beeindruckend. Woher hatten die Inkas oder die Erbauer diese Weltsicht. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, wie eine ganze Festung oder eine Stadt auf der Grundlage eines Pumas oder eines Condors erbaut wurde. So eine Stadt konnte doch unmöglich am Reisbrett entstanden sein. Zumal diese Tiere nur aus der Luft zu erkennen sind. Für mich stand fest, dass bestimmt eine Vielzahl der Tiere erst im nachhinein dazu interpretiert wurden.

Nachdem wir genug gesehen hatten liefen wir zurück und setzten uns in ein kleines Straßencafe. Wir bestellten uns einen Cafe und ließen diese idyllische Städtchen auf uns wirken. Unseren Rückweg nahmen wir über eine andere Passstrasse. Kurve um Kurve fuhren wir den Berg hinauf und verließen somit das heilige Tal. Wir fuhren an kleinen Seen und viel Landschaft vorbei. Die Sonne ging unter und es wurde langsam dunkel. Wir genossen die malerischen Gebirgsformationen im Lichtspiel.

von Cusco über die alte Inkastrasse

Am nächsten Morgen verließen wir Cusco. Wir tankten unser Auto nochmals ordentlich voll und freuten uns auf die alte Inkastrasse, die uns auf knapp 400 km durch eines der berühmtesten Täler, atemberaubende Pässe und Hochebenen zum blauen Titicacasee führen sollte. Kurz hinter Cusco holte uns die armselige Realität wieder ein. Wir fuhren vorbei an Slums und sehr ärmlichen Dörfern. Das Tal wurde hauptsächlich landwirtschaftlich genutzt. Da die Felder ziemlich abgeerntet waren, sah es insgesamt noch trostloser aus. Bäume gab es kaum unterwegs. Wir hielten uns an den Reiseführer und studierten die historischen Sehenswürdigkeiten.

Zwischendurch bewunderten wir zwei Europäer oder Nordamerikaner, die mit Ihren vollbepackten Rädern die alte Inkastraße entlang fuhren. Wir machten einen größeren Halt bei den Ruinen von Raqchi nach 118 km. Die Ruinen waren bereits von weitem zu sehen. Wir fuhren über Schotterpisten zu einem kleinen Platz mit einer niedlichen kleinen alten Kirche. Der Ort war die Ruhe selbst. Im Schatten saßen ältere Leute und dösten. Es gab einen kleinen Laden und den Eingang zu den Ruinen. Wir bezahlten für den Eintritt und betraten eine Anlage die bisher noch wenig erforscht wurde. Fest steht, dass diese Ruinen aus der Präinkazeit stammen. Wir befanden uns auf ca. 3.500 m zu Füßen des Quimsachata-Vulkans. Vor uns standen riesige Säulen eines alten Tempels. Arbeiter waren dabei die Anlage zu rekonstruieren. Für mich hatten die Säulen etwas von einem Grundgerüst einer großen Kirche. Unheimlich groß und hoch musste dieser Tempel gewesen sein. In dieser weiten Ebene, muss er herausgestochen haben, wie heute die zum Tropical Island umgebaute Cargo Lifter Halle im brandenburgischen Brand. Ein gigantisches Bauwerk.
Wir liefen lange umher und studierten die einzelnen Ausgrabungen und Überreste. Es ist unglaublich, wie viele Zeugnisse aus einer anderen Welt hier in den Anden noch nicht erforscht sind. Für diese Anlage schien sich auch niemand zu interessieren. Wir waren die einzigsten Touristen an diesem einsamen Ort. Die Einheimischen freuten sich und lächelten uns stumm an. Die Arbeiter machten Mittag und auch wir liefen langsam zurück. Zu den Alten sind weitere Einheimische gekommen, sie saßen zusammen und aßen ihr Mittag, welches gemeinschaftlich zubereitet wurde. Ich holte in dem kleinen Laden, zwei total eingestaubte Colas und etwas Gebäck. Die Sonne verschwand hinter immer dichteren Wolken. Wir fuhren weiter auf der alten Inkastrasse, die inzwischen asphaltiert ist. Neben der Straße führte die Zugstrecke Cusco – Puno entlang.

Wir fuhren immer höher in immer entlegenere Täler. Die Wolken zogen sich immer weiter zu. Weite Grasssteppen prägten das Bild. Verlassen und einsam schlängelte sich die Straße durch die Hochebene. Von den weißen Fünftausendern war leider nichts zu sehen. Auf dem Pass auf 4.313 m fing es an zu schneien. Ein kleines Schild und ein Parkplatz deuteten auf die bedeutende Stelle hin. Wie wir näher kamen, sahen wir Einheimische die in der Kälte mit ihren Souvenirs standen und auf die Touristen warteten. Zwei alte Frauen standen in ihren traditionellen Kleidern eingemummelt zum Fotografieren bereit. Jede der Frauen hatte ein Lama an der Seite für das typische Touristenfoto. Mir taten die Leute verdammt leid. Ihre Waren hatten sie schützend unter Plastikfolie. Es war sehr kalt. Ich stieg kurz aus, aber die beiden Pullover die ich anhatte reichten nicht aus. Ich fror entsetzlich. So zog ich es vor wieder im Auto zu warten und beobachtete das Treiben. Ein Bus mit Touristen hielt neben uns. Einige sprangen raus, schossen ein paar Fotos und stiegen wieder in den warmen Bus. Das erschütternde war, das sie den Frauen kein Geld für die Fotos gegeben hatten. Und schon fuhr der Bus wieder weg.
Auch wir fuhren bald weiter, da die erhoffte Aussicht durch das trübe Wetter nicht zu sehen war. Vielleicht würde das Wetter hinter dem Pass und den nächsten Bergen besser werden.

Fahrt auf dem Titicacsee

Um sieben Uhr sollte uns ein Fahrer vom Hotel abholen. Es regnete immer noch wie aus Kübeln. Da unsere Regenjacken leider in Lima hingen, hatten wir ein kleines Problem. Wir zogen uns so warm an wie möglich. Mit je zwei T-Shirts und den zwei Pullovern machten wir uns auf den Weg. Es waren ein paar Grad über plus. Im Rucksack hatten wir noch als eiserne Reserve den Lamapullover und die Lamamütze, die wir für Matthias Bruder in Pisaq gekauft hatten.

Wir waren die ersten, die mit dem Kleinbus abgeholt wurden. Der Fahrer fuhr noch mehrere Hotels an, wo wir weitere Touristen einsammelten. Es ging zum Hafen, eigentlich nicht weit vom Zentrum entfernt. Dort angelangt wimmelte es vor Leuten. Fliegende Händler verkauften Regen-Ponchos. Wir kauften uns jeder einen gelben Regenumhang aus dünner Plastikfolie und zogen sie über. Das Wasser fiel wie aus Kübeln vom Himmel. Wir hatten kurzzeitig unsere Gruppe verloren und irrten eine Weile umher. In der Hafenanlage lagen sehr viele Fahrgastschiffe. Sie sahen nicht besonders einladend aus. Überall waren Roststellen zu sehen. Wir warteten eine ganze Weile auf dem Steg bei unserer Gruppe. Die Berge hinter uns waren weiß gezuckert vom Schnee, der in der Nacht gefallen war. Der Wind pfiff ordentlich, so dass unsere Ponchos ordentlich flatterten und uns ins Gesicht schlugen.

Schließlich durften wir über zwei andere Boote in unseres klettern. 26 Touristen drängten sich nun in ein kleines Fahrgastschiff. Hinzu kamen der Steuermann und seine Frau sowie unser Guide Andrés. Es gab aber leider nur 20 Sitzplätze im Innenraum des Schiffes. Es wurde improvisiert. In die Mitte kamen Schaumstoffauflagen, auf die sich die Stehenden setzen konnten. Die Gruppe war bunt durcheinander gewürfelt. Es waren Niederländer, Italiener, Franzosen, Australier, Japaner und Spanier mit uns Deutschen an Board. Nachdem wir uns alle vorgestellt hatten, gab uns unser Guide den Namen „Mama Pacha Group“. Mama Pacha ist die Mutter Erde eine der heiligsten Götter der Inka. Wir hofften natürlich alle, dass sich das Wetter bessern würde und wir wieder heil auf der Mutter Erde landen würden. Wenigstens sollte es endlich aufhören zu regnen. Der Tagesausflug war so geplant, das wir zuerst zu den Schilfinseln der Uros und danach zur Insel Taquile fahren. Dort sollten wir die einmalige Gelegenheit haben, mit den Ureinwohnern der Insel in Kontakt zu treten und zum Sonnentor hinaufzusteigen, von wo wir eine herrliche Sicht über den blauen Titicacasee und die weißen Gipfel genießen könnten. Nachdem uns Andrés eine Einführung gegeben hatte, legten wir ab und fuhren aus der Bucht durch riesige Schilfflächen in Richtung offenes Wasser. Mit uns starteten weitere 4-5 Schiffe. Alle vollgestopft mit Touristen. „Sind wir wenigstens nicht alleine, wenn einem Schiff etwas passiert“, dachte ich. Schnell hatten alle Touristen mitbekommen, dass für uns 26 nur 21 Schwimmwesten zur Verfügung standen. Es wurden halblaut Witze darüber gemacht, aber zum Lachen und Fröhlichsein war keinem wirklich zu Mute. Vielmehr beobachteten wir die Fahrt des Schiffes aus den beschlagenen Fensterchen. Es sah tatsächlich so aus, als ob er Himmel etwas aufreißen würde.

Unterdessen erzählte uns Andrés etwas zum Titicacasee: Der mit 3.810m höchste schiffbare See ist insgesamt 8.562 qkm groß. In der Ausdehnung misst der Titicacasee eine Länge von 195km und in eine Breite 65km. Dadurch, dass der See mit 305m sehr tief ist, wird er auch nie richtig warm. Die durchschnittliche Temperatur liegt gerade mal bei 10-11 Grad Celsius. Dafür speichert der See im Winter die Wärme und gibt diese an die Umwelt ab. Dadurch ist es möglich Mais, Kartoffeln, Gerste und Erbsen sowie Quinoca trotz der Höhe von knapp 4.000m anzubauen. Und genau das, sollte in diesem Jahr anders sein. Denn in den Bergen lag bereits Schnee und die bevor stehende Kartoffelernte war in Gefahr. Einen Schuldigen gab es natürlich auch. El Nino sorgte dafür dass an der Küste Perus noch weniger Niederschläge fielen, wie sonst. Diese Niederschläge gingen dafür in den Bergen runter und brachten diese kalte Luft mit sich.

Die Schilfinseln der Uros

Die Schilffelder zogen sich weit. Nach gut einer halben Stunde Fahrt sahen wir die ersten Schilfdächer in der Ferne das einsame Bild stören. Selbst eine Kirchturmspitze aus Schilf konnte ich hinter den Schilffeldern ausmachen. Da es aufgehört hatte zu regnen, entschied Andrés zuerst zu den Inseln der Uros zu fahren. Wir steuerten auf eine kleine Schilfinsel fern ab des Festlandes zu. Anlegen war nicht gerade die Stärke unseres Steuermanns. Er ließ das Schiff einfach mit der Spitze in das Schilfgeflecht fahren. Das Schiff stoppte und ein paar Einheimische zogen mit Hilfe von Leinen das Schiff längsseits, so dass wir aussteigen konnten. Bevor wir allerdings raus gingen, gab uns unser Guide noch einen guten Tipp mit auf den Weg: „Bleibt nicht zu lange auf einer Stelle stehen, sonst holt ihr euch nasse Füße.“ Bald wussten wir warum. Die Inseln waren vollkommen aus Schilf gebaut. Dass heißt wir liefen auf einem Schilfgeflecht, welches auf dem Wasser schwamm. Ich war froh die wasserdichten Wanderschuhe anzuhaben. Nicht nur, dass sie die Eiseskälte nicht zu stark an meine Füße ließen, sie blieben auch trocken. Es lief sich wie auf einer wabbeligen Luftmatratze, die im Wasser lag. Alles wippte und schwappte ein wenig. Da ich halb auf dem Wasser groß geworden bin, konnte ich ganz gut damit umgehen. Einigen anderen aus unser Gruppe war das Schilf nicht so geheuer.

Unser Guide führte uns in eine Schilfhütte und bat uns auf einer Schilfrolle, zusammengebunden wie ein Baumstamm, platz zu nehmen. Dort dann bekamen wir eine Einführung in das Leben der Uros. Das Volk der Uros konnte nur auf dem Wasser ihre Traditionen gegen die Herrschaft der Inka bewahren. Aus diesem Grund hatte sich das Inselvolk sehr gut auf das Leben auf dem Wasser angepasst. Das Hauptnahrungsmittel und der Baustoff war das Schilf, was hier in Unmengen wuchs. Der Stängel vom Schilf konnte roh gegessen werden, was wir auch probierten. Er schmeckte ähnlich wie ein mit Wasser vollgesogenes Radieschen, nur dass es nicht scharf war. Diese Stängel wurden auch getrocknet und zu Mehl gemahlen. Aus diesem Mehl wurden Pfannkuchen oder Brote gebacken. In einem Eimer präsentierte uns Andrés die Fische die hier heimisch waren. Da aber der Titicacasee wie andere Gewässer in armen Ländern auch überfischt war, gab es hier keine üppigen Fischmahlzeiten. Danach hatten wir die Gelegenheit, die nachgebaute Insel zu erkunden. Frauen saßen in Decken gehüllt auf dem eisigen Boden und boten ihre handgemachten Souvenirs an. Wir schauten zu, wie ein Mann an einem dieser Schilfboote baute, kletterten auf einen kleinen Aussichtsturm und waren ständig darauf bedacht in keine größeren Wasserlöcher zu treten. Die Kälte war fast unerträglich so dass wir die Schilfinsel bald wieder verließen. Es fing wieder an zu regnen als wir uns auf den langen Weg zur Insel Taquile machten.

Wir ließen die Schilffelder hinter uns und fuhren hinaus auf den großen Titicacasee. Der Wind nahm erheblich zu und die Wellen wuchsen zusehends. In der Ferne sah ich immer noch die anderen Schiffe die mit uns gestartet waren. Es regnete nun wieder richtig heftig, so dass wir alle dicht zusammen unter Deck saßen. Wir kamen ins Gespräch mit der deutschen Familie, so wurde die fasst 3 stündige Fahrt nicht ganz so lang. Das Wetter wurde immer schlimmer. Das Schiff wippte wie eine Nussschale auf und nieder. Bloß nicht Seekrank werden, dachte ich und beobachtete den Steuermann und seine Frau. Beide gaben eine putzige Figur ab. Er war nicht größer wie 1,50 m und saß auf einem Hocker vor einem überdimensionalen Steuerrad. Seine Füße baumelten in der Luft. Auf dem Kopf hatte er eine typische bunt gestrickte Mütze mit je einer Bommel an jeder Seite. Die Ohrenklappen waren nach oben geklappt, so dass die daran befestigten Bommeln rechts und links baumelten. Mit voller Leidenschaft nahm er Welle um Welle und lenkte mit ganzem Körpereinsatz. Seine Frau war nochmals kleiner und hatte ein sehr animalisches Gesicht, was uns Europäer faszinierte. Wie der Steuermann hatte auch die Frau eine sehr dunkle Hautfarbe. Sie trug mehrere Röcke übereinander und bedeckte mit einem langen bestickten Tuch Ihren Kopf. Sie war sehr scheu und wagte kaum zu den Gästen zu schauen. Die ganze Zeit war Sie damit beschäftigt aus dem winzigen Fenster zu sehen und die Fahrtrichtung zu bestimmen. Der Fahrer selber konnte nicht allzu viel sehen, da die Scheibe zum einen immer wieder beschlug und durch den prasselnden Regen zu Riffelglas wurde. Während die beiden mit den Wettergewalten kämpften, wurde sich unterhalten. Besonders die Niederländer unterhielten die Fahrgäste. Aber man sah allen anderen an, dass sie die Fahrt bereits bereuten und auf eine baldige Ankunft hofften. Als dann auch Matthias unruhig wurde, kam auch meine Unruhe wieder hoch. Matthias hatte sehr viel Erfahrung auf dem Wasser. Er wusste wie man eine Welle zu nehmen hatte und bemerkte, dass wir nicht mehr auf dem richtigen Kurs waren. Aufgeregt lief er mehrmals nach draußen um sich ein Bild von der Lage zu machen. Die Italiener schoben sich zur Beruhigung ein paar Cocablätter in den Mund. Noch immer war die Insel nicht zu sehen. Hoch und runter wippte das Schiff, Wasser spritzte gegen die Fenster. Die anderen Schiffe waren kaum noch auf dem aufgewühlten See auszumachen. Ich überlegte, ob diese Schiffe eigentlich für ein solches Wetter ausgelegt waren. Fakt war, dass unser Steuermann sich zwar alle Mühe der Welt gab, aber er einfach nicht die Erfahrung hatte, mit einem so schwerfälligen Schiff gegen die Wellen anzukommen. Ich konnte nichts anderes machen als Ihm zu vertrauen und zu den Göttern zu beten, dass alles gut gehen würde.

Der tief blaue Titicacsee

Plötzlich war Land in sicht. Rechter Hand erhoben sich Felsen aus dem Wasser. Der Steuermann zog es vor das Schiff vom Außenruder aus zu lenken. So saß er im Regen und kämpfte mit dem großen Ruder gegen die Wellen, die in Ufernähe noch unberechenbarer waren. Seine Frau war sehr besorgt und versuchte ihrem Mann zu helfen indem sie mit dem Steuerrad mitlenkte. Das ging natürlich nicht lange gut. Es dauerte eine ganze Weile ehe dieses Missverständnis aufgelöst wurde. Es verging nochmals eine gute halbe Stunde ehe wir endlich unser Ziel erreicht hatten. Wir hielten an einem alten Holzsteg an und gingen an Land. Der Steg war durch den vielen Regen total glatt und wir liefen wie auf rohen Eiern an Land. Unsere Regenponchos flatterten ordentlich im Wind. Es war eisig kalt. Nun sollten wir den Aufstieg zum Dorf absolvieren, wo wir ein Mittagessen einnehmen sollten. Da wir nicht viel von der Umgebung aufgrund des schlechten Wetters sehen konnten, liefen wir straff die Treppen bergan. Immer darauf bedacht nicht in der aufgeweichten Erde auszurutschen. Wieder war ich unheimlich froh diese Wanderschuhe anzuhaben. Ich hatte einen sicheren Tritt und keine nassen Füße. Andere Touristen aus unserer Gruppe hatten da ganz andere Probleme. Auf der anderen Seite vermisste ich meine Regenjacke. Nicht nur, dass diese den furchtbar kalten Wind abgehalten hätte, sie wäre auch dicht gewesen und die Kapuze hätte ich bis tief ins Gesicht ziehen können. Wie konnten wir nur so dumm sein und unsere Jacken in Lima vergessen? Stattdessen schlug mir der gelbe Regenponcho ständig ins Gesicht. Die Kapuze rutschte ständig vom Kopf. Mit einer Hand versuchte ich zwei Zipfel zusammenzuhalten, damit die Folie nicht ständig hochflog. Allerdings zwickte die Kälte dermaßen an den Fingern, so dass ich es irgendwann vorzog die Hände in die Pulloverärmel zurück zu ziehen.
Die Insel selber ist über 5km lang und über einen Kilometer breit. Die Höhe beträgt 264 m über der Seehöhe, also mehr wie 4.000 Höhenmeter. Nach Luft ringend erklommen wir Stufe um Stufe. Nicht nur das die Luft verdammt dünn war, sie war auch eiskalt, so dass das Luftholen schon ein wenig weh tat. Wir erreichten das Dorf und es fing an zu schneien. Kleine Lehmhütten drängten sich an den Berghang. Wir warteten auf den Rest der Gruppe und stellten uns die unvergleichliche Sicht über den himmelblauen Titicacasee und den schneebedeckten Sechstausendern, die in der Sonne glänzten, vor. Traumhaft schön!
Das Wetter war so schlecht, dass wir kein einziges Foto während unseres gesamten Aufenthaltes auf Taquile gemacht hatten. Nachdem alle eingetroffen waren, führte uns Andrés durch die engen Gassen des Örtchens auf einen kleinen Platz. Hier waren einige Männer von Taquile versammelt, die normalerweise mit Tänzen die Touristen begrüßten. Heute jedoch wurde nicht getanzt. Sie hatten lustige bunte Mützen mit langen Zipfeln auf dem Kopf und wussten selbst nicht so richtig was sie bei dem Wetter anfangen sollten. Der Hauptplatz versank im Modder. Wir sammelten uns in einer Art Markthalle, wo es alles aus gestrickter Lamawolle gab. Hier auf Taquile ist es Aufgabe der Männer die Kleidung herzustellen. Sie treffen sich und stricken zusammen Kleider für ihre Familien. Auch ist es auf Taquile Brauch, dass nicht der Gast entscheidet in welches Restaurant er einkehrt. Es gibt ein rotierendes System, nachdem die Reiseführer mit Ihrer Reisegruppe immer in andere Restaurants geschickt werden. Ähnlich ist es mit Unterkünften, die Reihum belegt werden. Somit werden alle Bewohner der Insel gleich behandelt. Ein Konkurrenzkampf entsteht nicht und die Ursprünglichkeit der Region bleibt erhalten. Dies bedeutet aber auch, dass es keinen Fortschritt in unserem Sinne gibt. Der Gast hat sich anzupassen. An eine solche Denkweise muss man sich als Europäer erst einmal gewöhnen.
Nachdem klar war in welches Restaurant wir durften, gingen wir im Gänsemarsch durch weitere Gassen. Neugierige Gesichter lugten aus den einfachen Lehmhäusern, die teilweise bis zu drei Stockwerke hoch waren. Vor einer kleinen Lehmhütte machte Andrés halt und ging hinein. Kurz darauf lud er uns ebenfalls herein. Es war dunkel in der Hütte. Nicht gleich erkannten wir die winzige Treppe hinauf in die zweite Etage. Auf einer wackeligen Treppe, die nicht größer war wie eine klappbare Bodentreppe, krabbelten wir ins nächste Stockwerk.

Die zweite Etage ließ durch ein paar kleine Fenster Tageslicht ins Zimmer. Hier standen einfache Tische und Stühle. Wir befreiten uns aus den triefenden Regenponchos und ließen uns nieder. Auch hier war es nicht wesentlich wärmer wie draußen. Bald wusste ich auch warum, die Fenster hatten teilweise keine Fensterscheiben. Somit konnte die Luft sehr gut zirkulieren. Draußen schneite es inzwischen dicke Flocken.
Wir bekamen ein warmes Getränk und nach und nach das Einheitsessen dieses Restaurants, welches umgerechnet vielleicht 2 Euro gekostet hatte. Es bestand aus einem Getränk, einer Suppe und einem reichlichen Essen. Es gab Fisch mit Reis, Kartoffeln und Gemüse. Geschmacklich war es sehr gut, nur die Gemütlichkeit wollte nicht so richtig aufkommen.

Nun folgte ein nächstes menschliches Bedürfnis, ich musste mal wieder auf eine Toilette. Ich hatte schon mehrere Toiletten in Peru ausprobiert und war gespannt, wie diese hier wohl waren. Ich kletterte die Treppe wieder runter, was sich wesentlich schwieriger darstellte wie rauf zu. Unten blickte ich in große fragende Augen der Familie, die uns alle aufgenommen hatte und in einer dunklen Küche rotierte. Ich begrüßte Sie und fragte: „ Dónde esta el bano?“ Sie reagierten schnell und freundlich und zeigten mir den Weg nach draußen. „Schön!“ dachte ich und sah mich um. Mein Blick fiel auf zwei Türen, die halb offen standen. Als ich näher kam erkannte ich eine richtige Kloschüssel. Dass hatte ich nun nicht mehr erwartet. Ich ging rein. Die Tür konnte leider nicht versperrt werden, aber wer sollte hier auch schon kommen. Drin war es ziemlich dunkel, so dass sich der Türspalt als nützlich erwies. Nachdem ich fertig war, suchte ich die Spülung, die hier sehr einfach gehalten war. Neben dem Klo stand ein Eimer mit Wasser zum spülen. Warum kompliziert, wenn’s auch einfach geht.

Erleichtert kletterte ich über die Treppe wieder zu den anderen. Da unser Ausflug zum Sonnentor aufgrund des Wetters nicht stattfinden konnte, blieben wir noch eine Weile sitzen. Wir unterhielten uns mit den Italienern und vertrieben uns die Zeit. Nachdem wir unser Essen bezahlt hatten, ging es zurück zum Schiff. Andrés hatte für den Steuermann ein Essen in einem Plastikbeutel mitgenommen. Das Ehepaar saß in Decken eingehüllt im Schiff und erholte sich von den Strapazen. Sie waren ganz erschrocken, dass wir schon wieder da waren. Wir ergatterten uns einen Platz und warteten geduldig auf die Rückfahrt. Vier bis fünf Stunden werden wir wohl brauchen, meinte Andrés mit seinem schelmischen Grinsen. Die Rückfahrt war weder angenehmer noch ließ der Wind nach. Die ersten Minuten waren sehr turbulent. Die Italiener schoben sich immer mehr Cocablätter in den Mund, die Spanier rieben sich mit irgendeinem Wässerchen ein. Ich beschloss die Augen zu zu machen und ein wenig zu dösen. Ich muss eingeschlafen sein, denn als ich wieder zu mir kam waren wir schon fast da. Welch ein Glück! Ganz ohne Übelkeit!

Grabtürme von Sillustani

Am nächsten Morgen wollten wir Puno verlassen, um zum nächsten Highlight, dem Colca Canyon zu fahren. Auf dem Weg wollten wir die Grabtürme von Sillustani besichtigen. Diese liegen ca. 32 km von Puno entfernt auf einer Halbinsel am Umayo-See.
Während Matthias das Auto klar machte, lief ich noch schnell zu einer alten Frau und ihrem Gemüsestand und holte ein paar Bananen und Äpfel. Es macht mir richtig Spaß bei diesen älteren Frauen einzukaufen, sie sind immer so nett. Sie suchen stets die schönsten Früchte aus und packen sie sorgsam ein. Wenn Sie dann ihre tief zerfurchten Handflächen zaghaft öffnen, um das Geld im Empfang zu nehmen, lächeln sie dankbar und stolz.
Wir brachen auf, um den Titicacasee, der immer noch unter tiefen Wolken hing, Lebewohl zu sagen. Ja wir waren enttäuscht, aber um einige Erfahrungen reicher. Auch das gehört zu einer Reise – immer Postkartenwetter ist doch langweilig.

So versuchten wir durch diese irre Stadt Puno in Richtung Juliaca zu kommen. Die Straßen waren voller Menschen und anderen Fahrzeugen. Alles ging kreuz und quer. Plötzlich meinte Matthias: „Jetzt haben wir ein kleines Problem!“ Er starrte unbeirrt in den Rückspiegel und fuhr schnell weiter. Durch den ganzen hupenden Straßenlärm drang eine aufgeregte schrille Trillerpfeife. „Der steigt in ein Taxi!“ rief Matthias fassungslos. Ich drehte mich um und sah ein Taxi uns hinterher rasen. Aus dem Beifahrerfenster lehnte sich ein Polizist, der eine Kelle schwenkte und ordentlich in seine Trillerpfeife pfiff. „Was machen wir nun?“ fragte Matthias schweißgebadet. Nun war das Taxi bereits neben uns und Matthias hielt an. Der Polizist stieg aus und fuchtelte wie wild mit den Armen. Dazu brüllte er ein unverständliches Zeugs. Er zählte vermutlich auf, was wir alles falsch gemacht hätten. Da Matthias kein Spanisch verstand, konnte er immer nur mit dem Kopf schütteln und ihm zu verstehen geben, dass er ihn nicht verstände. Das machte den Polizisten noch fuchtiger. Matthias zeigte ihm alle Papiere die wir hatten. Dann kam der Polizist allmählich wieder runter. Trotzdem wollte er, dass wir mit ihm zum Polizeipräsidium fuhren. Ich stieg aus, um für den Polizisten platz zu machen und setzte mich nach hinten. Wer hat schon gern einen Polizisten im Nacken. Matthias fuhr vorsichtig weiter. Der Polizist quasselte in einer Tour. Ich indessen wälzte das Wörterbuch um ihm zu erklären, dass wir ihm eine Geldstrafe von ein paar Soles bezahlen würden. Matthias sollte anhalten. Jetzt wollte er selber Geld sehen. Matthias reichte ihm 30 Soles. Plötzlich war der Polizist netter und stieg aus dem Auto. Wir konnten weiterfahren. Ehe er es sich anders überlegen konnte, fuhren wir mit zitternden Knien schnell weiter. Was wir genau falsch gemacht hatten, konnten wir uns nicht genau erklären. Vermutlich sind wir über eine Kreuzung gefahren, wo wir keine Vorfahrt hatten. Polizisten standen in den Städten auf einem gelben Gerüst und regelten den Verkehr. Nur hatten wir bei dieser Kreuzung diese tolle Verkehrkanzel samt Polizisten im Gewimmel nicht gesehen. Auch die aufmerksamkeitsweisenden Pfeiftöne konnten wir Europäer nicht deuten. Wir waren heil froh aus dieser heiklen Situation unbeschadet herausgekommen zu sein und fuhren direkt in die nächste Polizeikontrolle. Die lief zum Glück ganz harmlos ab. So konnten wir endlich Puno hinter uns lassen.

Auf einer öden Hochebene nicht weit hinter Puno ging es links nach Sillustani. Der Himmel zog langsam auf und der Schnee schmolz von den Berghängen. Hin und wieder kamen wir an einem kleinen Bauernhof vorbei. Diese sahen so lieblich und harmonisch aus, dass wir anhielten, um sie uns näher zu betrachten. Sie bestanden aus dunklen luftgetrockneten Lehmziegeln und Grasdächern. Der gesamte Hof war mit Hütten, Ställen und Mauern in sich geschlossen. Zur Straße gab es ein Tor, oft sogar mit einem hohen Torbogen. So bald uns die Bauern sahen winkten sie freundlich zu uns herüber. Wir winkten freundlich zurück und ärgerten uns, das wir ihre Sprache nicht sprechen konnten.

Wir fuhren durch entlegene Dörfer, die von der Landwirtschaft geprägt waren. Die Menschen hier oben waren sehr dunkelhäutig und unscheinbar. Sie gingen alle ihrer Arbeit nach. Der Weg zog sich. Im Angesicht der Weite des Andenhochlandes empfanden wir die Ruhe als sehr erholsam. Unscheinbar tauchten plötzlich die heiligen Türme auf. Wir parkten auf dem angelegten Parkplatz und bezahlten unseren Eintritt. Es war unheimlich ruhig, als wir uns die Ruinen der Chullpas, in denen in der Vorinkazeit wichtige Persönlichkeiten begraben wurden, ansahen. Das Gelände war sehr weitläufig. Überall hatten wir einen schönen Blick auf den Umayo-See. Ich genoss die Landschaft, die hier so unberührt und vollkommen erschien. Seltsame Vögel gaben fremde Geräusche von sich. Auf dem See fuhren Einheimische auf winzigen Booten von A nach B. Auf dem Rückweg kamen wir an einer Kindergruppe vorbei, die in schönen bunten Trachten für die Touristen sangen und tanzten. Leider mussten wir auch hier wieder erleben, dass Touristen zwar Fotos machten und sich an den Kindern erfreuten, aber nicht bereit waren, ihnen etwas zu geben. Eigentlich hätten diese Kinder, die offensichtlich alle aus diesem Dorf kamen, um diese Uhrzeit in der Schule sitzen müssen. Erst später sahen wir, dass die Kinder Schulsachen dabei hatten. Offensichtlich fing hier die Schule erst später an, damit die Kinder für die Touristen, die am Morgen in Puno starteten, um sich die Ruinen anzusehen, tanzen und singen konnten. Vielleicht war dies sogar eine wichtige Einnahmequelle für die Menschen in dieser entlegenen Region. Wir verließen diesen ruhigen Ort und fuhren wieder zurück Richtung Juliaca.

Der lange Weg zum Colca Canyon

Wir fuhren geradewegs hinein ins Chaos von Juliaca. Das Problem, welches wir diesmal hatten, sollte eigentlich kein schwerwiegendes sein. Laut unserer Karte und den Reiseführern, sollte es in Juliaca einen Abzweig nach Süden in Richtung Arequipa geben. Dies ist die einzige größere Straße vom Andenhochland nach Arequipa – eine Transitstrecke die eigentlich ausgeschildert hätte sein müssen. Wir fuhren ins Zentrum und suchten verzweifelt nach Hinweisschildern. Ich hatte die Nase voll und wurde wütend. Matthias fuhr kreuz und quer durch die Stadt, so dass ich nach wenigen Kreuzungen die Orientierung verloren hatte. Plötzlich meinte er auf der richtigen Straße zu sein. Die Straße sah nicht unbedingt nach einer Fernverkehrsstraße aus. Ein Schlagloch reihte sich an ein größeres. Matthias hielt bei einem jungen Mann an und schickte mich, um ihn zufragen, ob dies die richtige Straße nach Arequipa sei. Der junge Mann sah mich skeptisch an und glotzte fragend auf meine Karte. Auf meine Frage: „Geht es hier nach Arequipa?“ nickte er nur schnell. Ich versuchte ihn die Straße auf der Karte zu zeigen, aber es hatte keinen Sinn. Ich bedankte mich und stieg wieder zurück ins Auto. Hinterher überlegte ich, was diese Aktion sollte. Wahrscheinlich hatte dieser junge Mann noch nie eine solche Karte gesehen, ob er richtig lesen konnte – vor allem auf einer deutschen Karte, war auch fraglich. Die ganze Aktion war hirnrissig. Wir fuhren vorbei an alten Ziegeleien. Einige waren noch intakt andere total zerfallen. Insgesamt sah die Landschaft sehr trostlos aus, überall standen zerfallene Fabrikgebäude und schrottreife Autos und Lastwagen. Wir müssen sehr hoch gewesen sein, denn hier wuchs wieder nur das Hochlandgras. Die Wolken lockerten nur langsam auf. Hin und wieder gaben sie die Sicht auf einen weißen sechstausender Gipfel frei.
Die Fahrt war sehr eintönig. Die Straße verlief schnurgerade durch die Pampa. Hin und wieder durchquerten wir kleine Orte, wo der Verkehr nur aus Fahrrädern und Fußgängern bestand. Auf den endlosen Straßen lagen unheimlich viele wilde Hunde und warteten darauf, dass jemand etwas essbares auf die Straße warf.

Die Landschaft wechselte. Wir fuhren nun etwas von der Hochebene hinunter. Das Land wurde hügeliger und gab die Sicht auf Schluchten und faszinierende Felsvorsprünge frei. Bald sahen wir auch wieder Alpaka und Lamaherden.
Da es in Puno und Juliaca keine Tankstelle mit Benzin gab, kamen wir mit unseren Reserven an unsere Grenzen. Matthias rechnete aus, dass wir die Tour hin und zurück zum Canyon nicht schaffen würden. Somit entschlossen wir uns für einen 200 km langen Umweg über Arequipa. Mit der Zeit im Nacken fuhren wir zwischen den vielen LKWs und Bussen die 4.000 Höhenmeter in langen Serpentinen hinunter Richtung Arequipa. Die Landschaft wandelte sich wieder zur Wüste, plötzlich gab es wieder Kakteen, wie in Nasca.

Die Strecke zog sich. Da wir die Zeit im Nacken hatten, wurden wir von Kurve zu Kurve angespannter. Wir kamen vorbei an alten Bergwerken und Fabriken. Zwischendurch hielten liegen gebliebene Busse und LKW den Verkehr auf. Der Klimawechsel und die stechende Sonne taten ihr übriges.
Arequipa ist die „weißeste“ Stadt Perus. Hier leben noch die meisten Spanier aus der Eroberungszeit, sowie die Wohlhabenden dieses Landes. Demzufolge stellten wir uns diese Stadt etwas europäischer vor, als all die anderen die wir gesehen hatten. Aber bevor wir direkt nach Arequipa rein fuhren, mussten wir durch elend lange Slumgebiete. Hüttchen aus zusammen gesammelten Baumaterialien säumten die Straße. Die Wasserversorgung der Randgebiete war äußerst schlecht. Der Müll war allgegenwärtig. Irgendwann wurde es dann doch zivilisierter. Die Straße wurde zwei- bis dreispurig. Den Mittelstreifen versuchte die Stadt trotz des Wüstenklimas zu begrünen. Wir waren in einer moderneren Stadt gelandet, die allerdings aus genauso kaputten Häusern und Autos bestand, wie das übrige Land. Der Einfluss der Gringos war allerdings deutlich zu sehen. Wir suchten nun nach einer Tankstelle, um schnell wieder zurück ins Hochland zu fahren. Schon fast im Zentrum angekommen, hielten wir an einer kleinen Tankstelle. Da ich unheimlich dringend pinkeln musste, fragte ich das Personal höflich nach einer Toilette. Dieser junge Mann musterte mich mürrisch und deutete schließlich auf eine blaue Blechtür. Ich, bereits jetzt um einiges leichter, wagte mich zu dieser blauen halb durchgerosteten, zerbeulten Tür. Eine Klinke suchte ich vergebens. Ich drückte die Tür auf und war erschüttert. Ich hatte schon schlimme Toiletten in Peru gesehen, aber das war die Krönung. Vor mir bot sich eine Klosettschüssel ohne jegliches Zubehör, wie etwaige Brille oder Papier. Das Klo und der Boden drum herum klebten in den verschiedensten gelb bräunlichen Tönen. Da ich mir aber fast in die Hosen machte, versuchte ich die Tür hinter mir zu schließen. Dies ging nicht, somit hielt ich die Tür mit der einen Hand zu und erledigte mein Geschäft ohne auch nur irgendetwas anderes zu berühren. Da es auch hier, wie so oft in Peru, keine Spülung und fließend Wasser gab, konnte ich diesen fürchterlichen Ort schnell verlassen.

Voll getankt fuhren wir wieder aus der Stadt und quälten uns mit den Bussen und LKWs ins Andenhochland zurück. Mittlerweile war es schon später Nachmittag geworden und die Straße nahm kein Ende. Erst gegen Abend erreichten wir den Abzweig zum Colca Canyon, der eigentlich nicht weit entfernt war. Wir wussten allerdings nicht, dass die komplette Strecke nicht Asphaltiert war. Somit fuhren wir teilweise mit 30 km/h oder Schrittgeschwindigkeit über die huckelige Schotterpiste.
Nach ein paar Kilometern kamen wir an einem schier gottverlassenen Ort vorbei. Alte eingefallene Lagerhallen und Fabrikgebäude sowie ein alter Bahnhof erinnerten an ein schon lange stillgelegtes Bergwerk. Plötzlich liefen zwei Kinder auf die Fahrbahn und versperrten diese mit einem Seil. Ein drittes Kind kam zum Auto und hielt die Hand auf. Wir sollten Wegezoll bezahlen. Die Kinder meinten es ernst. Wir waren so erschrocken von der Dreistigkeit, dass sich unsere Reaktionen verlangsamten. Ich Griff nach hinten und suchte nach den Keksen, die ich noch hatte. Schnell waren alle drei da und griffen nach den Keksen. Aber dies sollte nicht genug sein. Sie forderten weiter Geld für die Durchfahrt. Nun wurde es Matthias zu bunt und fuhr langsam an. Die Kinder spannten ihr Seil, so dass er wieder anhalten musste. Matthias wurde wütend, aber die Kinder ließen sich nicht beirren und forderten weiter ihren Wegezoll.
Die Situation war so unreal, dass wir noch lange hinterher darüber nachdenken mussten, aber zu keiner guten Erklärung kamen. Matthias fuhr langsam an und schließlich über das Seil. Ich blickte mich um, um zu erfahren, wo diese Kinder hingehörten. Schließlich gab es im Umkreis von 50 km keine größere Siedlung. In den Trümmern der alten Wohnhäuser erblickte ich zwei weitere kleine Kinder, die im Sand saßen und spielten. Daneben flatterten Stofffetzen aus einem offenen Fenster. Bald sah ich auch so etwas wie eine bewohnte Hütte. Wie elend! Hier oben wo kein Grashalm wuchs um Mensch oder Tier zu ernähren, wo es kein Wasser gab, hier oben wo lediglich Transitverkehr zum Colca Canyon vorbeidonnerte, hier lebten Menschen. Ich fühlte mich verdammt schlecht. Auf der anderen Seite hatte ich aber noch die dreisten Gesichter vor Augen, die nichts mehr mit unschuldigen Kindern zu tun hatten.
Wir fuhren angespannt weiter. Die Sonne sank immer tiefer und die Straße wurde und wurde nicht besser. Eine atemberaubende Bergwelt tat sich uns auf. Wir fuhren zum höchsten Pass unserer Reise auf über 5.000 Höhenmeter. Zwischendurch taten sich Schwindel erregende Abgründe auf. Einige Berghänge waren noch verschneit. Die Straße war alles andere als gesichert. Hin und wieder mussten wir abgebrochenem Geröll ausweichen. In der Regenzeit wäre diese Straße für uns unbefahrbar gewesen, denn hier soll es regelmäßig böse Erdrutsche geben. Die Sonne verschwand nun öfters hinter den nächsten Berggipfeln. Als wir den Pass erreichten ist die Sonne bereits untergegangen. Wir erkannten diese Stelle anhand einer Statue, die aus aufeinander gelegten Felsbrocken bestand und schon von weitem als Mensch erkennbar war. Es war ein gruseliger Anblick, denn wir hatten schon seit vielen Kilometern keinen Menschen mehr gesehen. Die Landschaft auf dem Pass glich den Bildern, die wir vom Mars oder Mond kennen. Leben gab es hier oben scheinbar keines.

Nun fuhren wir bergab. Aber immer noch lag der Colca Canyon weit entfernt. Es wurde dunkler und dunkler. Je tiefer wir kamen, desto mehr Leben zeigte sich uns wieder. So sahen wir beispielsweise ein hasenähnliches Tier mit langen Ohren aber einem langen buschigen Schwanz, welches wie ein Känguru von einer Straßenseite zur nächsten hüpfte. Bald konnten wir kleine Lichter im Tal erkennen und uns wurde wieder etwas wohler. Viele Spitzkehren trennten uns von Chivay unseren Ausgangspunkt im Colca Canyon. Kurz vor dem Ort zwang uns eine geschlossene Schranke zum anhalten. Ein bewaffneter Mann in Uniform trat ans Auto und fragte uns etwas. Da wir Ihn nicht verstanden, gaben wir ihm zu verstehen, dass wir ein Hotel für die Nacht suchen. Es dauerte eine Weile ehe wir verstanden, dass wir hier in ein Naturschutzgebiet fahren würden und dafür eine Art Eintritt pro Kopf erhoben wird. Wir bezahlten also und passierten. Im Ort war es verdammt dunkel. Er erinnerte eher an ein größeres Dorf, als an eine Stadt. Matthias hatte sich mehrere Hotels rausgesucht, die wir nun abfuhren. Beim Dritten blieben wir dann hängen, da wir hier unser Auto auf einen abgeschlossenen Parkplatz hinterlassen konnten. Die Hotels sind hier in Peru absolut nicht auf Touristen mit Autos eingerichtet.

Die Hotelanlage war niedlich hergerichtet. Allerdings gab es keine Heizung und es war schon jetzt ziemlich kalt. Wir beschlossen in den Ort zu gehen, um noch etwas Essbares zu uns zu nehmen.
Der Ort war irgendwie idyllisch. Angst hatten wir kaum, als wir durch die dunklen Gassen schlenderten. In einer kleinen Pizzeria ließen wir diesen anstrengenden Tag ausklingen.