Der lange Weg zum Colca Canyon

Wir fuhren geradewegs hinein ins Chaos von Juliaca. Das Problem, welches wir diesmal hatten, sollte eigentlich kein schwerwiegendes sein. Laut unserer Karte und den Reiseführern, sollte es in Juliaca einen Abzweig nach Süden in Richtung Arequipa geben. Dies ist die einzige größere Straße vom Andenhochland nach Arequipa – eine Transitstrecke die eigentlich ausgeschildert hätte sein müssen. Wir fuhren ins Zentrum und suchten verzweifelt nach Hinweisschildern. Ich hatte die Nase voll und wurde wütend. Matthias fuhr kreuz und quer durch die Stadt, so dass ich nach wenigen Kreuzungen die Orientierung verloren hatte. Plötzlich meinte er auf der richtigen Straße zu sein. Die Straße sah nicht unbedingt nach einer Fernverkehrsstraße aus. Ein Schlagloch reihte sich an ein größeres. Matthias hielt bei einem jungen Mann an und schickte mich, um ihn zufragen, ob dies die richtige Straße nach Arequipa sei. Der junge Mann sah mich skeptisch an und glotzte fragend auf meine Karte. Auf meine Frage: „Geht es hier nach Arequipa?“ nickte er nur schnell. Ich versuchte ihn die Straße auf der Karte zu zeigen, aber es hatte keinen Sinn. Ich bedankte mich und stieg wieder zurück ins Auto. Hinterher überlegte ich, was diese Aktion sollte. Wahrscheinlich hatte dieser junge Mann noch nie eine solche Karte gesehen, ob er richtig lesen konnte – vor allem auf einer deutschen Karte, war auch fraglich. Die ganze Aktion war hirnrissig. Wir fuhren vorbei an alten Ziegeleien. Einige waren noch intakt andere total zerfallen. Insgesamt sah die Landschaft sehr trostlos aus, überall standen zerfallene Fabrikgebäude und schrottreife Autos und Lastwagen. Wir müssen sehr hoch gewesen sein, denn hier wuchs wieder nur das Hochlandgras. Die Wolken lockerten nur langsam auf. Hin und wieder gaben sie die Sicht auf einen weißen sechstausender Gipfel frei.
Die Fahrt war sehr eintönig. Die Straße verlief schnurgerade durch die Pampa. Hin und wieder durchquerten wir kleine Orte, wo der Verkehr nur aus Fahrrädern und Fußgängern bestand. Auf den endlosen Straßen lagen unheimlich viele wilde Hunde und warteten darauf, dass jemand etwas essbares auf die Straße warf.

Die Landschaft wechselte. Wir fuhren nun etwas von der Hochebene hinunter. Das Land wurde hügeliger und gab die Sicht auf Schluchten und faszinierende Felsvorsprünge frei. Bald sahen wir auch wieder Alpaka und Lamaherden.
Da es in Puno und Juliaca keine Tankstelle mit Benzin gab, kamen wir mit unseren Reserven an unsere Grenzen. Matthias rechnete aus, dass wir die Tour hin und zurück zum Canyon nicht schaffen würden. Somit entschlossen wir uns für einen 200 km langen Umweg über Arequipa. Mit der Zeit im Nacken fuhren wir zwischen den vielen LKWs und Bussen die 4.000 Höhenmeter in langen Serpentinen hinunter Richtung Arequipa. Die Landschaft wandelte sich wieder zur Wüste, plötzlich gab es wieder Kakteen, wie in Nasca.

Die Strecke zog sich. Da wir die Zeit im Nacken hatten, wurden wir von Kurve zu Kurve angespannter. Wir kamen vorbei an alten Bergwerken und Fabriken. Zwischendurch hielten liegen gebliebene Busse und LKW den Verkehr auf. Der Klimawechsel und die stechende Sonne taten ihr übriges.
Arequipa ist die „weißeste“ Stadt Perus. Hier leben noch die meisten Spanier aus der Eroberungszeit, sowie die Wohlhabenden dieses Landes. Demzufolge stellten wir uns diese Stadt etwas europäischer vor, als all die anderen die wir gesehen hatten. Aber bevor wir direkt nach Arequipa rein fuhren, mussten wir durch elend lange Slumgebiete. Hüttchen aus zusammen gesammelten Baumaterialien säumten die Straße. Die Wasserversorgung der Randgebiete war äußerst schlecht. Der Müll war allgegenwärtig. Irgendwann wurde es dann doch zivilisierter. Die Straße wurde zwei- bis dreispurig. Den Mittelstreifen versuchte die Stadt trotz des Wüstenklimas zu begrünen. Wir waren in einer moderneren Stadt gelandet, die allerdings aus genauso kaputten Häusern und Autos bestand, wie das übrige Land. Der Einfluss der Gringos war allerdings deutlich zu sehen. Wir suchten nun nach einer Tankstelle, um schnell wieder zurück ins Hochland zu fahren. Schon fast im Zentrum angekommen, hielten wir an einer kleinen Tankstelle. Da ich unheimlich dringend pinkeln musste, fragte ich das Personal höflich nach einer Toilette. Dieser junge Mann musterte mich mürrisch und deutete schließlich auf eine blaue Blechtür. Ich, bereits jetzt um einiges leichter, wagte mich zu dieser blauen halb durchgerosteten, zerbeulten Tür. Eine Klinke suchte ich vergebens. Ich drückte die Tür auf und war erschüttert. Ich hatte schon schlimme Toiletten in Peru gesehen, aber das war die Krönung. Vor mir bot sich eine Klosettschüssel ohne jegliches Zubehör, wie etwaige Brille oder Papier. Das Klo und der Boden drum herum klebten in den verschiedensten gelb bräunlichen Tönen. Da ich mir aber fast in die Hosen machte, versuchte ich die Tür hinter mir zu schließen. Dies ging nicht, somit hielt ich die Tür mit der einen Hand zu und erledigte mein Geschäft ohne auch nur irgendetwas anderes zu berühren. Da es auch hier, wie so oft in Peru, keine Spülung und fließend Wasser gab, konnte ich diesen fürchterlichen Ort schnell verlassen.

Voll getankt fuhren wir wieder aus der Stadt und quälten uns mit den Bussen und LKWs ins Andenhochland zurück. Mittlerweile war es schon später Nachmittag geworden und die Straße nahm kein Ende. Erst gegen Abend erreichten wir den Abzweig zum Colca Canyon, der eigentlich nicht weit entfernt war. Wir wussten allerdings nicht, dass die komplette Strecke nicht Asphaltiert war. Somit fuhren wir teilweise mit 30 km/h oder Schrittgeschwindigkeit über die huckelige Schotterpiste.
Nach ein paar Kilometern kamen wir an einem schier gottverlassenen Ort vorbei. Alte eingefallene Lagerhallen und Fabrikgebäude sowie ein alter Bahnhof erinnerten an ein schon lange stillgelegtes Bergwerk. Plötzlich liefen zwei Kinder auf die Fahrbahn und versperrten diese mit einem Seil. Ein drittes Kind kam zum Auto und hielt die Hand auf. Wir sollten Wegezoll bezahlen. Die Kinder meinten es ernst. Wir waren so erschrocken von der Dreistigkeit, dass sich unsere Reaktionen verlangsamten. Ich Griff nach hinten und suchte nach den Keksen, die ich noch hatte. Schnell waren alle drei da und griffen nach den Keksen. Aber dies sollte nicht genug sein. Sie forderten weiter Geld für die Durchfahrt. Nun wurde es Matthias zu bunt und fuhr langsam an. Die Kinder spannten ihr Seil, so dass er wieder anhalten musste. Matthias wurde wütend, aber die Kinder ließen sich nicht beirren und forderten weiter ihren Wegezoll.
Die Situation war so unreal, dass wir noch lange hinterher darüber nachdenken mussten, aber zu keiner guten Erklärung kamen. Matthias fuhr langsam an und schließlich über das Seil. Ich blickte mich um, um zu erfahren, wo diese Kinder hingehörten. Schließlich gab es im Umkreis von 50 km keine größere Siedlung. In den Trümmern der alten Wohnhäuser erblickte ich zwei weitere kleine Kinder, die im Sand saßen und spielten. Daneben flatterten Stofffetzen aus einem offenen Fenster. Bald sah ich auch so etwas wie eine bewohnte Hütte. Wie elend! Hier oben wo kein Grashalm wuchs um Mensch oder Tier zu ernähren, wo es kein Wasser gab, hier oben wo lediglich Transitverkehr zum Colca Canyon vorbeidonnerte, hier lebten Menschen. Ich fühlte mich verdammt schlecht. Auf der anderen Seite hatte ich aber noch die dreisten Gesichter vor Augen, die nichts mehr mit unschuldigen Kindern zu tun hatten.
Wir fuhren angespannt weiter. Die Sonne sank immer tiefer und die Straße wurde und wurde nicht besser. Eine atemberaubende Bergwelt tat sich uns auf. Wir fuhren zum höchsten Pass unserer Reise auf über 5.000 Höhenmeter. Zwischendurch taten sich Schwindel erregende Abgründe auf. Einige Berghänge waren noch verschneit. Die Straße war alles andere als gesichert. Hin und wieder mussten wir abgebrochenem Geröll ausweichen. In der Regenzeit wäre diese Straße für uns unbefahrbar gewesen, denn hier soll es regelmäßig böse Erdrutsche geben. Die Sonne verschwand nun öfters hinter den nächsten Berggipfeln. Als wir den Pass erreichten ist die Sonne bereits untergegangen. Wir erkannten diese Stelle anhand einer Statue, die aus aufeinander gelegten Felsbrocken bestand und schon von weitem als Mensch erkennbar war. Es war ein gruseliger Anblick, denn wir hatten schon seit vielen Kilometern keinen Menschen mehr gesehen. Die Landschaft auf dem Pass glich den Bildern, die wir vom Mars oder Mond kennen. Leben gab es hier oben scheinbar keines.

Nun fuhren wir bergab. Aber immer noch lag der Colca Canyon weit entfernt. Es wurde dunkler und dunkler. Je tiefer wir kamen, desto mehr Leben zeigte sich uns wieder. So sahen wir beispielsweise ein hasenähnliches Tier mit langen Ohren aber einem langen buschigen Schwanz, welches wie ein Känguru von einer Straßenseite zur nächsten hüpfte. Bald konnten wir kleine Lichter im Tal erkennen und uns wurde wieder etwas wohler. Viele Spitzkehren trennten uns von Chivay unseren Ausgangspunkt im Colca Canyon. Kurz vor dem Ort zwang uns eine geschlossene Schranke zum anhalten. Ein bewaffneter Mann in Uniform trat ans Auto und fragte uns etwas. Da wir Ihn nicht verstanden, gaben wir ihm zu verstehen, dass wir ein Hotel für die Nacht suchen. Es dauerte eine Weile ehe wir verstanden, dass wir hier in ein Naturschutzgebiet fahren würden und dafür eine Art Eintritt pro Kopf erhoben wird. Wir bezahlten also und passierten. Im Ort war es verdammt dunkel. Er erinnerte eher an ein größeres Dorf, als an eine Stadt. Matthias hatte sich mehrere Hotels rausgesucht, die wir nun abfuhren. Beim Dritten blieben wir dann hängen, da wir hier unser Auto auf einen abgeschlossenen Parkplatz hinterlassen konnten. Die Hotels sind hier in Peru absolut nicht auf Touristen mit Autos eingerichtet.

Die Hotelanlage war niedlich hergerichtet. Allerdings gab es keine Heizung und es war schon jetzt ziemlich kalt. Wir beschlossen in den Ort zu gehen, um noch etwas Essbares zu uns zu nehmen.
Der Ort war irgendwie idyllisch. Angst hatten wir kaum, als wir durch die dunklen Gassen schlenderten. In einer kleinen Pizzeria ließen wir diesen anstrengenden Tag ausklingen.