Der tief blaue Titicacsee

Plötzlich war Land in sicht. Rechter Hand erhoben sich Felsen aus dem Wasser. Der Steuermann zog es vor das Schiff vom Außenruder aus zu lenken. So saß er im Regen und kämpfte mit dem großen Ruder gegen die Wellen, die in Ufernähe noch unberechenbarer waren. Seine Frau war sehr besorgt und versuchte ihrem Mann zu helfen indem sie mit dem Steuerrad mitlenkte. Das ging natürlich nicht lange gut. Es dauerte eine ganze Weile ehe dieses Missverständnis aufgelöst wurde. Es verging nochmals eine gute halbe Stunde ehe wir endlich unser Ziel erreicht hatten. Wir hielten an einem alten Holzsteg an und gingen an Land. Der Steg war durch den vielen Regen total glatt und wir liefen wie auf rohen Eiern an Land. Unsere Regenponchos flatterten ordentlich im Wind. Es war eisig kalt. Nun sollten wir den Aufstieg zum Dorf absolvieren, wo wir ein Mittagessen einnehmen sollten. Da wir nicht viel von der Umgebung aufgrund des schlechten Wetters sehen konnten, liefen wir straff die Treppen bergan. Immer darauf bedacht nicht in der aufgeweichten Erde auszurutschen. Wieder war ich unheimlich froh diese Wanderschuhe anzuhaben. Ich hatte einen sicheren Tritt und keine nassen Füße. Andere Touristen aus unserer Gruppe hatten da ganz andere Probleme. Auf der anderen Seite vermisste ich meine Regenjacke. Nicht nur, dass diese den furchtbar kalten Wind abgehalten hätte, sie wäre auch dicht gewesen und die Kapuze hätte ich bis tief ins Gesicht ziehen können. Wie konnten wir nur so dumm sein und unsere Jacken in Lima vergessen? Stattdessen schlug mir der gelbe Regenponcho ständig ins Gesicht. Die Kapuze rutschte ständig vom Kopf. Mit einer Hand versuchte ich zwei Zipfel zusammenzuhalten, damit die Folie nicht ständig hochflog. Allerdings zwickte die Kälte dermaßen an den Fingern, so dass ich es irgendwann vorzog die Hände in die Pulloverärmel zurück zu ziehen.
Die Insel selber ist über 5km lang und über einen Kilometer breit. Die Höhe beträgt 264 m über der Seehöhe, also mehr wie 4.000 Höhenmeter. Nach Luft ringend erklommen wir Stufe um Stufe. Nicht nur das die Luft verdammt dünn war, sie war auch eiskalt, so dass das Luftholen schon ein wenig weh tat. Wir erreichten das Dorf und es fing an zu schneien. Kleine Lehmhütten drängten sich an den Berghang. Wir warteten auf den Rest der Gruppe und stellten uns die unvergleichliche Sicht über den himmelblauen Titicacasee und den schneebedeckten Sechstausendern, die in der Sonne glänzten, vor. Traumhaft schön!
Das Wetter war so schlecht, dass wir kein einziges Foto während unseres gesamten Aufenthaltes auf Taquile gemacht hatten. Nachdem alle eingetroffen waren, führte uns Andrés durch die engen Gassen des Örtchens auf einen kleinen Platz. Hier waren einige Männer von Taquile versammelt, die normalerweise mit Tänzen die Touristen begrüßten. Heute jedoch wurde nicht getanzt. Sie hatten lustige bunte Mützen mit langen Zipfeln auf dem Kopf und wussten selbst nicht so richtig was sie bei dem Wetter anfangen sollten. Der Hauptplatz versank im Modder. Wir sammelten uns in einer Art Markthalle, wo es alles aus gestrickter Lamawolle gab. Hier auf Taquile ist es Aufgabe der Männer die Kleidung herzustellen. Sie treffen sich und stricken zusammen Kleider für ihre Familien. Auch ist es auf Taquile Brauch, dass nicht der Gast entscheidet in welches Restaurant er einkehrt. Es gibt ein rotierendes System, nachdem die Reiseführer mit Ihrer Reisegruppe immer in andere Restaurants geschickt werden. Ähnlich ist es mit Unterkünften, die Reihum belegt werden. Somit werden alle Bewohner der Insel gleich behandelt. Ein Konkurrenzkampf entsteht nicht und die Ursprünglichkeit der Region bleibt erhalten. Dies bedeutet aber auch, dass es keinen Fortschritt in unserem Sinne gibt. Der Gast hat sich anzupassen. An eine solche Denkweise muss man sich als Europäer erst einmal gewöhnen.
Nachdem klar war in welches Restaurant wir durften, gingen wir im Gänsemarsch durch weitere Gassen. Neugierige Gesichter lugten aus den einfachen Lehmhäusern, die teilweise bis zu drei Stockwerke hoch waren. Vor einer kleinen Lehmhütte machte Andrés halt und ging hinein. Kurz darauf lud er uns ebenfalls herein. Es war dunkel in der Hütte. Nicht gleich erkannten wir die winzige Treppe hinauf in die zweite Etage. Auf einer wackeligen Treppe, die nicht größer war wie eine klappbare Bodentreppe, krabbelten wir ins nächste Stockwerk.

Die zweite Etage ließ durch ein paar kleine Fenster Tageslicht ins Zimmer. Hier standen einfache Tische und Stühle. Wir befreiten uns aus den triefenden Regenponchos und ließen uns nieder. Auch hier war es nicht wesentlich wärmer wie draußen. Bald wusste ich auch warum, die Fenster hatten teilweise keine Fensterscheiben. Somit konnte die Luft sehr gut zirkulieren. Draußen schneite es inzwischen dicke Flocken.
Wir bekamen ein warmes Getränk und nach und nach das Einheitsessen dieses Restaurants, welches umgerechnet vielleicht 2 Euro gekostet hatte. Es bestand aus einem Getränk, einer Suppe und einem reichlichen Essen. Es gab Fisch mit Reis, Kartoffeln und Gemüse. Geschmacklich war es sehr gut, nur die Gemütlichkeit wollte nicht so richtig aufkommen.

Nun folgte ein nächstes menschliches Bedürfnis, ich musste mal wieder auf eine Toilette. Ich hatte schon mehrere Toiletten in Peru ausprobiert und war gespannt, wie diese hier wohl waren. Ich kletterte die Treppe wieder runter, was sich wesentlich schwieriger darstellte wie rauf zu. Unten blickte ich in große fragende Augen der Familie, die uns alle aufgenommen hatte und in einer dunklen Küche rotierte. Ich begrüßte Sie und fragte: „ Dónde esta el bano?“ Sie reagierten schnell und freundlich und zeigten mir den Weg nach draußen. „Schön!“ dachte ich und sah mich um. Mein Blick fiel auf zwei Türen, die halb offen standen. Als ich näher kam erkannte ich eine richtige Kloschüssel. Dass hatte ich nun nicht mehr erwartet. Ich ging rein. Die Tür konnte leider nicht versperrt werden, aber wer sollte hier auch schon kommen. Drin war es ziemlich dunkel, so dass sich der Türspalt als nützlich erwies. Nachdem ich fertig war, suchte ich die Spülung, die hier sehr einfach gehalten war. Neben dem Klo stand ein Eimer mit Wasser zum spülen. Warum kompliziert, wenn’s auch einfach geht.

Erleichtert kletterte ich über die Treppe wieder zu den anderen. Da unser Ausflug zum Sonnentor aufgrund des Wetters nicht stattfinden konnte, blieben wir noch eine Weile sitzen. Wir unterhielten uns mit den Italienern und vertrieben uns die Zeit. Nachdem wir unser Essen bezahlt hatten, ging es zurück zum Schiff. Andrés hatte für den Steuermann ein Essen in einem Plastikbeutel mitgenommen. Das Ehepaar saß in Decken eingehüllt im Schiff und erholte sich von den Strapazen. Sie waren ganz erschrocken, dass wir schon wieder da waren. Wir ergatterten uns einen Platz und warteten geduldig auf die Rückfahrt. Vier bis fünf Stunden werden wir wohl brauchen, meinte Andrés mit seinem schelmischen Grinsen. Die Rückfahrt war weder angenehmer noch ließ der Wind nach. Die ersten Minuten waren sehr turbulent. Die Italiener schoben sich immer mehr Cocablätter in den Mund, die Spanier rieben sich mit irgendeinem Wässerchen ein. Ich beschloss die Augen zu zu machen und ein wenig zu dösen. Ich muss eingeschlafen sein, denn als ich wieder zu mir kam waren wir schon fast da. Welch ein Glück! Ganz ohne Übelkeit!