Die Schilfinseln der Uros

Die Schilffelder zogen sich weit. Nach gut einer halben Stunde Fahrt sahen wir die ersten Schilfdächer in der Ferne das einsame Bild stören. Selbst eine Kirchturmspitze aus Schilf konnte ich hinter den Schilffeldern ausmachen. Da es aufgehört hatte zu regnen, entschied Andrés zuerst zu den Inseln der Uros zu fahren. Wir steuerten auf eine kleine Schilfinsel fern ab des Festlandes zu. Anlegen war nicht gerade die Stärke unseres Steuermanns. Er ließ das Schiff einfach mit der Spitze in das Schilfgeflecht fahren. Das Schiff stoppte und ein paar Einheimische zogen mit Hilfe von Leinen das Schiff längsseits, so dass wir aussteigen konnten. Bevor wir allerdings raus gingen, gab uns unser Guide noch einen guten Tipp mit auf den Weg: „Bleibt nicht zu lange auf einer Stelle stehen, sonst holt ihr euch nasse Füße.“ Bald wussten wir warum. Die Inseln waren vollkommen aus Schilf gebaut. Dass heißt wir liefen auf einem Schilfgeflecht, welches auf dem Wasser schwamm. Ich war froh die wasserdichten Wanderschuhe anzuhaben. Nicht nur, dass sie die Eiseskälte nicht zu stark an meine Füße ließen, sie blieben auch trocken. Es lief sich wie auf einer wabbeligen Luftmatratze, die im Wasser lag. Alles wippte und schwappte ein wenig. Da ich halb auf dem Wasser groß geworden bin, konnte ich ganz gut damit umgehen. Einigen anderen aus unser Gruppe war das Schilf nicht so geheuer.

Unser Guide führte uns in eine Schilfhütte und bat uns auf einer Schilfrolle, zusammengebunden wie ein Baumstamm, platz zu nehmen. Dort dann bekamen wir eine Einführung in das Leben der Uros. Das Volk der Uros konnte nur auf dem Wasser ihre Traditionen gegen die Herrschaft der Inka bewahren. Aus diesem Grund hatte sich das Inselvolk sehr gut auf das Leben auf dem Wasser angepasst. Das Hauptnahrungsmittel und der Baustoff war das Schilf, was hier in Unmengen wuchs. Der Stängel vom Schilf konnte roh gegessen werden, was wir auch probierten. Er schmeckte ähnlich wie ein mit Wasser vollgesogenes Radieschen, nur dass es nicht scharf war. Diese Stängel wurden auch getrocknet und zu Mehl gemahlen. Aus diesem Mehl wurden Pfannkuchen oder Brote gebacken. In einem Eimer präsentierte uns Andrés die Fische die hier heimisch waren. Da aber der Titicacasee wie andere Gewässer in armen Ländern auch überfischt war, gab es hier keine üppigen Fischmahlzeiten. Danach hatten wir die Gelegenheit, die nachgebaute Insel zu erkunden. Frauen saßen in Decken gehüllt auf dem eisigen Boden und boten ihre handgemachten Souvenirs an. Wir schauten zu, wie ein Mann an einem dieser Schilfboote baute, kletterten auf einen kleinen Aussichtsturm und waren ständig darauf bedacht in keine größeren Wasserlöcher zu treten. Die Kälte war fast unerträglich so dass wir die Schilfinsel bald wieder verließen. Es fing wieder an zu regnen als wir uns auf den langen Weg zur Insel Taquile machten.

Wir ließen die Schilffelder hinter uns und fuhren hinaus auf den großen Titicacasee. Der Wind nahm erheblich zu und die Wellen wuchsen zusehends. In der Ferne sah ich immer noch die anderen Schiffe die mit uns gestartet waren. Es regnete nun wieder richtig heftig, so dass wir alle dicht zusammen unter Deck saßen. Wir kamen ins Gespräch mit der deutschen Familie, so wurde die fasst 3 stündige Fahrt nicht ganz so lang. Das Wetter wurde immer schlimmer. Das Schiff wippte wie eine Nussschale auf und nieder. Bloß nicht Seekrank werden, dachte ich und beobachtete den Steuermann und seine Frau. Beide gaben eine putzige Figur ab. Er war nicht größer wie 1,50 m und saß auf einem Hocker vor einem überdimensionalen Steuerrad. Seine Füße baumelten in der Luft. Auf dem Kopf hatte er eine typische bunt gestrickte Mütze mit je einer Bommel an jeder Seite. Die Ohrenklappen waren nach oben geklappt, so dass die daran befestigten Bommeln rechts und links baumelten. Mit voller Leidenschaft nahm er Welle um Welle und lenkte mit ganzem Körpereinsatz. Seine Frau war nochmals kleiner und hatte ein sehr animalisches Gesicht, was uns Europäer faszinierte. Wie der Steuermann hatte auch die Frau eine sehr dunkle Hautfarbe. Sie trug mehrere Röcke übereinander und bedeckte mit einem langen bestickten Tuch Ihren Kopf. Sie war sehr scheu und wagte kaum zu den Gästen zu schauen. Die ganze Zeit war Sie damit beschäftigt aus dem winzigen Fenster zu sehen und die Fahrtrichtung zu bestimmen. Der Fahrer selber konnte nicht allzu viel sehen, da die Scheibe zum einen immer wieder beschlug und durch den prasselnden Regen zu Riffelglas wurde. Während die beiden mit den Wettergewalten kämpften, wurde sich unterhalten. Besonders die Niederländer unterhielten die Fahrgäste. Aber man sah allen anderen an, dass sie die Fahrt bereits bereuten und auf eine baldige Ankunft hofften. Als dann auch Matthias unruhig wurde, kam auch meine Unruhe wieder hoch. Matthias hatte sehr viel Erfahrung auf dem Wasser. Er wusste wie man eine Welle zu nehmen hatte und bemerkte, dass wir nicht mehr auf dem richtigen Kurs waren. Aufgeregt lief er mehrmals nach draußen um sich ein Bild von der Lage zu machen. Die Italiener schoben sich zur Beruhigung ein paar Cocablätter in den Mund. Noch immer war die Insel nicht zu sehen. Hoch und runter wippte das Schiff, Wasser spritzte gegen die Fenster. Die anderen Schiffe waren kaum noch auf dem aufgewühlten See auszumachen. Ich überlegte, ob diese Schiffe eigentlich für ein solches Wetter ausgelegt waren. Fakt war, dass unser Steuermann sich zwar alle Mühe der Welt gab, aber er einfach nicht die Erfahrung hatte, mit einem so schwerfälligen Schiff gegen die Wellen anzukommen. Ich konnte nichts anderes machen als Ihm zu vertrauen und zu den Göttern zu beten, dass alles gut gehen würde.