Grabtürme von Sillustani

Am nächsten Morgen wollten wir Puno verlassen, um zum nächsten Highlight, dem Colca Canyon zu fahren. Auf dem Weg wollten wir die Grabtürme von Sillustani besichtigen. Diese liegen ca. 32 km von Puno entfernt auf einer Halbinsel am Umayo-See.
Während Matthias das Auto klar machte, lief ich noch schnell zu einer alten Frau und ihrem Gemüsestand und holte ein paar Bananen und Äpfel. Es macht mir richtig Spaß bei diesen älteren Frauen einzukaufen, sie sind immer so nett. Sie suchen stets die schönsten Früchte aus und packen sie sorgsam ein. Wenn Sie dann ihre tief zerfurchten Handflächen zaghaft öffnen, um das Geld im Empfang zu nehmen, lächeln sie dankbar und stolz.
Wir brachen auf, um den Titicacasee, der immer noch unter tiefen Wolken hing, Lebewohl zu sagen. Ja wir waren enttäuscht, aber um einige Erfahrungen reicher. Auch das gehört zu einer Reise – immer Postkartenwetter ist doch langweilig.

So versuchten wir durch diese irre Stadt Puno in Richtung Juliaca zu kommen. Die Straßen waren voller Menschen und anderen Fahrzeugen. Alles ging kreuz und quer. Plötzlich meinte Matthias: „Jetzt haben wir ein kleines Problem!“ Er starrte unbeirrt in den Rückspiegel und fuhr schnell weiter. Durch den ganzen hupenden Straßenlärm drang eine aufgeregte schrille Trillerpfeife. „Der steigt in ein Taxi!“ rief Matthias fassungslos. Ich drehte mich um und sah ein Taxi uns hinterher rasen. Aus dem Beifahrerfenster lehnte sich ein Polizist, der eine Kelle schwenkte und ordentlich in seine Trillerpfeife pfiff. „Was machen wir nun?“ fragte Matthias schweißgebadet. Nun war das Taxi bereits neben uns und Matthias hielt an. Der Polizist stieg aus und fuchtelte wie wild mit den Armen. Dazu brüllte er ein unverständliches Zeugs. Er zählte vermutlich auf, was wir alles falsch gemacht hätten. Da Matthias kein Spanisch verstand, konnte er immer nur mit dem Kopf schütteln und ihm zu verstehen geben, dass er ihn nicht verstände. Das machte den Polizisten noch fuchtiger. Matthias zeigte ihm alle Papiere die wir hatten. Dann kam der Polizist allmählich wieder runter. Trotzdem wollte er, dass wir mit ihm zum Polizeipräsidium fuhren. Ich stieg aus, um für den Polizisten platz zu machen und setzte mich nach hinten. Wer hat schon gern einen Polizisten im Nacken. Matthias fuhr vorsichtig weiter. Der Polizist quasselte in einer Tour. Ich indessen wälzte das Wörterbuch um ihm zu erklären, dass wir ihm eine Geldstrafe von ein paar Soles bezahlen würden. Matthias sollte anhalten. Jetzt wollte er selber Geld sehen. Matthias reichte ihm 30 Soles. Plötzlich war der Polizist netter und stieg aus dem Auto. Wir konnten weiterfahren. Ehe er es sich anders überlegen konnte, fuhren wir mit zitternden Knien schnell weiter. Was wir genau falsch gemacht hatten, konnten wir uns nicht genau erklären. Vermutlich sind wir über eine Kreuzung gefahren, wo wir keine Vorfahrt hatten. Polizisten standen in den Städten auf einem gelben Gerüst und regelten den Verkehr. Nur hatten wir bei dieser Kreuzung diese tolle Verkehrkanzel samt Polizisten im Gewimmel nicht gesehen. Auch die aufmerksamkeitsweisenden Pfeiftöne konnten wir Europäer nicht deuten. Wir waren heil froh aus dieser heiklen Situation unbeschadet herausgekommen zu sein und fuhren direkt in die nächste Polizeikontrolle. Die lief zum Glück ganz harmlos ab. So konnten wir endlich Puno hinter uns lassen.

Auf einer öden Hochebene nicht weit hinter Puno ging es links nach Sillustani. Der Himmel zog langsam auf und der Schnee schmolz von den Berghängen. Hin und wieder kamen wir an einem kleinen Bauernhof vorbei. Diese sahen so lieblich und harmonisch aus, dass wir anhielten, um sie uns näher zu betrachten. Sie bestanden aus dunklen luftgetrockneten Lehmziegeln und Grasdächern. Der gesamte Hof war mit Hütten, Ställen und Mauern in sich geschlossen. Zur Straße gab es ein Tor, oft sogar mit einem hohen Torbogen. So bald uns die Bauern sahen winkten sie freundlich zu uns herüber. Wir winkten freundlich zurück und ärgerten uns, das wir ihre Sprache nicht sprechen konnten.

Wir fuhren durch entlegene Dörfer, die von der Landwirtschaft geprägt waren. Die Menschen hier oben waren sehr dunkelhäutig und unscheinbar. Sie gingen alle ihrer Arbeit nach. Der Weg zog sich. Im Angesicht der Weite des Andenhochlandes empfanden wir die Ruhe als sehr erholsam. Unscheinbar tauchten plötzlich die heiligen Türme auf. Wir parkten auf dem angelegten Parkplatz und bezahlten unseren Eintritt. Es war unheimlich ruhig, als wir uns die Ruinen der Chullpas, in denen in der Vorinkazeit wichtige Persönlichkeiten begraben wurden, ansahen. Das Gelände war sehr weitläufig. Überall hatten wir einen schönen Blick auf den Umayo-See. Ich genoss die Landschaft, die hier so unberührt und vollkommen erschien. Seltsame Vögel gaben fremde Geräusche von sich. Auf dem See fuhren Einheimische auf winzigen Booten von A nach B. Auf dem Rückweg kamen wir an einer Kindergruppe vorbei, die in schönen bunten Trachten für die Touristen sangen und tanzten. Leider mussten wir auch hier wieder erleben, dass Touristen zwar Fotos machten und sich an den Kindern erfreuten, aber nicht bereit waren, ihnen etwas zu geben. Eigentlich hätten diese Kinder, die offensichtlich alle aus diesem Dorf kamen, um diese Uhrzeit in der Schule sitzen müssen. Erst später sahen wir, dass die Kinder Schulsachen dabei hatten. Offensichtlich fing hier die Schule erst später an, damit die Kinder für die Touristen, die am Morgen in Puno starteten, um sich die Ruinen anzusehen, tanzen und singen konnten. Vielleicht war dies sogar eine wichtige Einnahmequelle für die Menschen in dieser entlegenen Region. Wir verließen diesen ruhigen Ort und fuhren wieder zurück Richtung Juliaca.