Von Abancay nach Cusco

Am nächsten Morgen standen wir wieder relativ zeitig auf. Wasser gab es hier nur kaltes. So genehmigten wir uns wenigstens ein kleines Frühstück, wieder Maisbrötchen und brachen auf nach Cusco. Da wir gestern einen ganzen Tag eingespart hatten, waren wir nun froh unseren Puffertag – den wir bereits in Lima verbraucht hatten, wieder zu haben. Wir ließen es ruhig angehen und fuhren durch Abancay zu unserem nächsten Pass in Richtung Cusco. Die Landschaft war traumhaft. In den Tälern wuchsen Kakteen und Palmen nebeneinander. Alles war üppig grün und machte einen sehr urigen Eindruck. Die Menschen arbeiteten auf ihren Feldern und trieben ihr Vieh von einer Grünfläche zur nächsten. Oftmals wurde die Transitstrecke, auf der auch LKWs und Busse entlang donnerten als Weg benutzt. So begegneten uns sehr viele Kühe, Ochsen, Esel und Schafe oder Lamas. Wir hielten nun öfter an und genossen die Aussicht auf immer schönere Täler. Jetzt im nachhinein wissen wir, das die Strecke von Nasca nach Cusco landschaftlich mit die schönste auf unserer gesamten Peru-Reise war. Wir sahen beispielsweise wie das Korn gedroschen wurde, wie mit der Hilfe von Ochsen gepflügt wurde oder wie sich Schweine durch die abgeernteten Felder wühlten. Jedes Tal schien auch von anderen Menschen besiedelt zu sein. Wir erkannten die Unterschiede vor allem an den verschiedenen Hutformen, die vor allem die Frauen trugen. Auch die Kleidung war jedes Mal etwas anders. Die Menschen in den Bergen tragen alle ihre traditionell bunte Kleidung aus Lamawolle. Dadurch wurden sie auf den Feldern oder am Wegesrand immer gut gesehen. Da kaum einer aus der Bevölkerung ein eigenes Auto besaß liefen viele an der Straße entlang. Die Frauen hatten immer eine Spindel dabei mit der sie Garn sponnen.
In einem Tal sahen wir eine alte Ruine. Unser Reiseführer verriet uns, dass dies die Ruinen von Piedra de Saywite waren. Wir beschlossen dort kurz zu halten.

Piedra de Saywite

Über mehrere Feldwege gelangten wir auf einen kleinen Parkplatz und stiegen aus. Die Luft war herrlich klar. Wir waren auf knapp 4.000 m Höhe, die Sonne schien vereinzelt durch die Wolken die sich über uns hinwegschoben. Ein Mann kam herbeigeeilt. Er war kleiner wie ich, vielleicht knapp 1,60 m groß und erklärte mir irgendetwas auf Spanisch. Ich erklärte ihm das ich nicht gut spanisch spreche und konnte aber den Eintrittspreis heraushören. Nachdem wir bei ihm bezahlten, führte er uns durch die Ruine und zeigte uns alles, dabei erklärte er eifrig auf Spanisch was wir sahen. Es war nett. Er führte uns zu einem großen halbrunden Stein mit einem Durchmesser von ca. 4 m. In diesen Stein waren die 4 Teile des Inkareiches originalgetreu mit allen Straßen, Häusern, Terrassen, Kanälen, Tieren und Menschen eingehauen worden. Es war eine einzigartige Landkarte aus der Inkazeit. Damit die Touristen den Stein auch richtig Fotografieren können, gab es eine alte Holzleiter, die auf den Zaun, der um den Stein stand, gelegt wurde. Matthias wurde aufgefordert auf die Leiter zu steigen um Fotos zu machen. Da Matthias die Richtung nicht stimmte trugen beide die Leiter rum. Witzige Situation.

Später erkundeten wir die Anlage zu Fuß, dabei stiegen wir hinab zum Sonnentempel. Runter war das alles kein Problem, nur beim Wiederhochkommen hatten wir nicht an die Höhe gedacht, in der wir uns befinden. Aber zuvor genossen wir die wunderschöne Landschaft. Rechts und links arbeiteten die Einheimischen auf ihren Feldern. Kinder pfiffen und winkten uns zu. Auch Erwachsene wurden nun auf uns aufmerksam und hießen uns willkommen. Sicherlich lag es auch mit an meinen roten Haaren, was die Leute hier sehr verblüffte.
Wir quälten uns den Tempel hinauf zu unserem Auto. Langsam Schritt für Schritt stemmten wir uns nach oben. Unsere Lungen pumpten den wenigen Sauerstoff ins Blut. Oben angelangt, mussten wir erst einmal verschnaufen.
Wir fuhren noch durch ähnlich schöne Täler. Kurz vor Cusco jedoch wurde es wieder karger. Wir hatten soviel schönes gesehen, dass wir uns richtig auf Cusco, die Inka-Metropole, freuten. Aber was wir zuerst sahen, als wir von oben auf Cusco zufuhren, war eher schockierend. Wie jede große Stadt, so hat auch Cusco an den Stadträndern seine Elendsviertel. Endlos fuhren wir durch ärmliche Hütten, Dreck und Gestank. Das Elend schien kein Ende zu nehmen und meine Angst vor einem neuen Rückschlag auf unserer Reise wuchs. Die Stimmung auf dem Tiefpunkt versuchten wir einen Weg in die Innenstadt zu finden. Das Chaos war zu groß, als das wir uns einen Überblick verschaffen konnten. Matthias hatte ein Zimmer in der Pension „Alemania“ gebucht, die es jetzt zu finden galt. Die Straßen waren wieder schachbrettartig um den Plaza de Armas angeordnet. Das Problem war nur, dass wir zwar sehen konnten wo wir hinwollten, aber durch das Einbahnstraßensystem gezwungen waren ständig in eine andere Richtung zu fahren. Schon leicht grillig drehten wir Runde um Runde. Schließlich kamen wir unserem Ziel näher. Nun wurden die Straßen enger und aufgrund der Berge sehr steil. Manche Straßen sahen nicht aus, als ob man sie wirklich befahren konnte. Wir hatten ziemliche Probleme mit unserem großen Auto. Teilweise war es auch nicht möglich in Sackgassen, die nicht gekennzeichnet waren, zu wenden. Wir gaben auf. Wir stellten das Fahrzeug ab und machten uns zu Fuß auf die Suche nach der Pension. Wir hatten Glück und bezogen unser Quartier für mindestens 4 Tage. Wir hatten ein nettes kleines Zimmer mit Blick über Cusco. Das Hausmädchen servierte uns zum Empfang einen Mate de Coca auf der Terrasse. Den konnten wir jetzt auch gut gebrauchen.